
HOCH
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Kapitel 03
Wie ich die Hochkreativität fand
oder sie mich
Meine Geschichte hörte bei Mensa nicht auf. Im Grunde begann sie dort erst, sich wirklich zu entwickeln.
Meine Mensazeit
Ich war angekommen – zumindest äußerlich. Ich saß an Stammtischen, führte Gespräche, hörte hochbegabten Menschen zu, dachte mit, argumentierte, nickte. Von außen betrachtet war ich mitten dabei. Und trotzdem war da dieses vertraute Außenseiter-Nichtverstehen-Sein in mir. Dieses leise, aber unerbittliche Gefühl: "Das ist es nicht." Alle sagten, wir seien auf einer Wellenlänge. Und ja – ich schwamm mit. Aber meine Welle lief ein klein wenig anders. Querer. Unruhiger. Höher frequent. So minimal verschoben, dass es niemand bemerkte. Außer mir.
Ich verstand alles. Ich war nicht ausgeschlossen. Und dennoch fühlte sich etwas in mir dauerhaft außen vor an. Also tat ich das, was ich immer tue, wenn ich etwas nicht verstehe: Ich lese!
Ich verschlang Bücher, Texte, Theorien. Hochbegabung. Hochsensibilität. Underachievement. AD(H)S. Autismus. Synästhesie. Legasthenie. Manches traf mich. Manches erklärte Splitter. Aber nichts fügte sich. Ich fand mich nicht. Es war, als lägen alle Puzzleteile vor mir – nur das Bild entstand nicht.
Wie so oft in meinem Leben kam die Antwort nicht dort, wo ich suchte, sondern von einer ganz anderen Seite. Und natürlich kam sie über eine Idee.
Meine Kunstlehrerinnenzeit
Doch bevor ich davon erzählen kann, möchte über ich einen nicht ganz unwesentlichen Nebenschauplatz berichten:
Ich war zu dieser Zeit Kunstlehrerin. Offiziell Lehrkraft. Inoffiziell Randfigur. Das Fach Kunst galt als wichtig – zumindest theoretisch. In der Praxis lag das Fach in den unbeliebten Randstunden. Wenn etwas ausfiel, dann war es Kunst. Das Fach wurde belächelt. Und ich mit ihm. „Du unterrichtest ja *nur* Kunst.“ Und gleichzeitig stolperte ich immer wieder über das Thema Hochbegabung - ob in Gesprächen mit Schülerinnen oder Schülern, ob in Klassenkonferenzen, Elterngesprächen oder im Lehrerzimmer.
An meiner Schule – einer Waldorfschule – gab es viele hochbegabte Kinder. Aber niemand schien sie zu sehen. Sie waren für die Lehrkräfte unsichtbar. Obwohl sie auffällig waren, aus der Rolle fielen, die Mitarbeit boykottierten oder massive Krisen durchlebten, wurde alles bagatellisiert oder anderen Diagnosen zugeschrieben. Diese Kinder wurden teilweise so unangemessen pädagogisch begleitet, dass mir schier das Herz stockte. Einem der hochbegabtesten Jugendlichen, die ich je kennenlernen durfte, wurde nahegelegt, die Schule zu wechseln, er hätte nicht die Fähigkeit das Abitur zu schaffen. Ein anderer wurde nicht in die Oberstufe versetzt. Eltern wurden diskreditiert. Im Lehrerzimmer wurde gelästert. Es war für mich kaum zu ertragen, was hochbegabte Kinder von Lehrkräften zu hören bekamen und was sie erleiden mussten.
(Über dieses Thema habe ich inzwischen einen Blogbeitrag geschrieben: "Wenn Lehrkräfte mobben" - vielleicht magst du ihn lesen, hier kommt der Link.)
Und obwohl ich meine Arbeit als Kunstlehrerin liebte – die Kinder, die Kunst, das Gestalten –, begann ich nicht nur mit dem Bildungssystem zu hadern, sondern auch mit der Waldorfpädagogik selbst. Schule ist für mich eines der hierarchischsten Systeme unserer Gesellschaft. Kinder müssen in die Schule. Punkt. Eine Schulhausanwesenheits-Bleibbitteschön-wach-Pflicht – das ist unsere Schule.
Partizipation, demokratische Lebendigkeit, Mitsprache – all das ist offiziell gewollt. Aber nur in den Bereichen, die nicht wirklich wichtig sind. Über Noten? Keine Mitsprache. Über Gerechtigkeit? Keine Mitsprache. Über Lernstandserhebungen? Keine Mitsprache. Am Ende bleibt alle Macht bei den Lehrkräften und dem Kollegium.
Was mich jedoch am tiefsten erschütterte, war nicht nur das Scheitern hochbegabter Kinder im Regelschulsystem. Es war das Scheitern auch dort, wo es eigentlich besser sein sollte. In reformpädagogischen Kontexten. In wohlmeinenden Systemen, in denen der Mensch offiziell im pädagogischen Mittelpunkt steht.
Und langsam dämmerte mir etwas:
Abi mit 14 oder Förderschule – hochbegabte Kinder befinden sich immer außerhalb des Bildungssystems, egal in welcher Schulform. Die einen, weil sie zu schnell sind. Die anderen, weil sie als „unbeschulbar“ gelten. Familien, die verzweifeln. Familien, die auswandern. Lehrkräfte, die gerne wollen aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht können.
Und dann war sie plötzlich da – diese Idee. Laut und hyperpräsent!
Was wäre, wenn wir genau hier ansetzen? Bei hochbegabten Jugendlichen, die ohnehin schon außerhalb des Systems stehen – weil sie viel zu früh „fertig“ sind oder weil sie "gescheitert" sind.
Was wäre, wenn wir eine (Nicht-)Schule gründen würden? Nicht anschlussfähig. Nicht abschlussfähig.
Ein Denklaboratorium. Ein pädagogischer Experimentierraum. Ein Ort für Jugendliche, die sich dem klassischen Schulverlauf entziehen und für die Kultusministerien, Jugend- und Sozialämter keine passende Form finden. Ein Ort, an dem Denken nicht angepasst, sondern entfaltet wird. Fernab von Lehrplänen und Lernstandserhebungen.
Ich wusste in diesem Moment noch nicht, dass ich damit bereits auf der Spur war. Auf der Spur dessen, was mir selbst fehlte. Aber genau hier begann der Weg, der mich zu jenem Begriff führen sollte, der sich anfühlte wie ein inneres, rosarot leuchtendes Feuerwerk.
Und so verließ ich das Schulsystem, um mit jenen und für jene Jugendlichen, für die unser Bildungssystem keine pädagogischen Antworten hat, eine neuen Lernort fernab der klassischen Schule zu gründen.
Die Begegnung, die alles veränderte
Mit dieser Idee ging ich zu einer Unternehmensberaterin, um mir bei der Umsetzung zu helfen und entsprechende Konzepte und Businesspläne für Interessenten und Investoren zu entwerfen.
Wir setzten uns zusammen, dachten, entwarfen, spannten Möglichkeiten.
Und dann – nach der dritten Sitzung – hielt sie inne.
„Birgit“, sagte sie ruhig, „bevor du jetzt wieder ein neues Projekt, ein neues Start-up, ein neues Konstrukt in die Welt setzt (ich hatte schon einige Gründungen hinter mir):
"Mach dich bitte erst einmal selbstständig mit dem, was du bist.“
Ich sah sie an – und mir wurde ganz heiß. Auf diesen Moment hatte ich die ganze Zeit gewartet, ohne es zu wissen. Und jetzt lag er plötzlich vor mir. Gereicht von einer Seite, von der ich ihn nicht erwartet hatte. Ich traute mich kaum nachzufragen. Doch dann nahm ich all meinen Mut zusammen und fragte:
„Dann sag mir bitte – was bin ich denn?“ Sie antwortete ohne zu zögern: „Du bist hochkreativ! Und genau damit solltest du dich selbständig machen“
Dieser Satz traf mich nicht nur im Kopf. Er traf mich im ganzen Körper. Es war, als würde sich etwas schlagartig öffnen. Als hätte ein inneres System, das jahrelang unter Spannung gestanden hatte, plötzlich Entlastung gefunden. Ich fühlte mich wie Julia Roberts in Pretty Woman: in der Badewanne, Kopfhörer auf den Ohren, Musik im Körper, als hätte die ganze Welt auf diesen einen Moment gewartet. Es war ein vollständiges Aufgehen in Resonanz.
Ich fuhr nach Hause und tat, was man tut: Ich fragte Google. Ich war sicher, hunderte Seiten mit unzähligen Treffern zu finden.
Fehlanzeige: Es waren zwei Treffer. Eine Werbeagentur. Und ein Text mit 20 Dingen, die nur hochkreative Menschen nachempfinden können. https://www.hochbegabte-begleiten.de/images/04-24_zur_Kreativit%C3%A4t.pdf
Ich begann zu lesen. Und mit jedem Punkt fiel etwas von mir ab. Zum ersten Mal fühlte ich mich nicht nur gesehen – sondern entlastet. Denn dort stand etwas, das mich mein Leben lang begleitet hatte:
Hochkreative Menschen halten den Flow oft nicht lange. Der neurobiologische Prozess bricht früher ab. Sie müssen immer wieder neu beginnen. Mein Leben war plötzlich kein persönliches Versagen mehr. Kein Zeichen von Unbeständigkeit. Keine Zeichen von persönlicher Schwäche oder Motivationsversagen. Ich war nicht schuld daran, dass ich weiterging, sobald ich etwas durchdrungen hatte und andere sagten: „Bleib doch endlich mal dabei.“ Für mich war das Denken abgeschlossen – und das Interesse weitergezogen.
Hochkreativität war das fehlende Puzzlestück. Für mein Leben. Und für mein Verständnis von meinem Underachievement. Und an diesem Punkt wusste ich: Diese Geschichte endet hier nicht. Jetzt beginnt sie erst richtig.
Nach dem Feuerwerk
Nach dem inneren Feuerwerk kam die Stille. Eine irritierende, fast unerträgliche Stille. Endlich hatte ich den Begriff gefunden, der mich bis in jede Zelle hinein stimmig erklärte – und stand gleichzeitig vor dem Nichts.
Ich suchte nach Literatur zur Hochkreativität. Nach Forschung. Nach Theorien. Nach pädagogischen Konzepten. Nach Menschen, die diesen Begriff nicht nur benutzten, sondern lebten.
Und ich fand – bis auf besagten Text des Tutoriums Berlin – nichts.
Es war, als hätte ich einen Kontinent entdeckt, der auf keiner Karte verzeichnet war. Und ich begann zu begreifen: Wenn Hochkreativität nirgends systematisch beschrieben ist, dann fehlen auch die Begriffe für das, was so viele erleben. Denn ich ging nicht davon aus, die Einzige zu sein. Dann fehlt die Sprache für das eigene innere Bild. Dann fehlt das Verständnis für das Scheitern im System. Dann fehlt die Erklärung für Lebensläufe, die intelligent wirken – und trotzdem nicht aufgehen.
Vielleicht, dachte ich, ist Hochkreativität nicht nur mein persönliches Erkennen. Vielleicht ist sie ein blinder Fleck. Und genau hier beginnt die eigentliche Arbeit – von der ich im nächsten Kapitel erzählen werde.
Dr. Birgit Wegerich-Bauer
info@hochkreativitaet.de

