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ich dieses Buch
geschrieben habe und jetzt aufhöre

Warum

Kapitel 

04.

Was macht man mit einem blinden Fleck und wie mein Leben nach dieser Erkenntnis weiter ging

Einen Begriff zu finden, der das eigene Leben erklärt, ist ein tiefgreifender Moment. Aber was geschieht, wenn dieser Begriff nirgends verankert ist? Wenn er kein Gegenüber hat, keine Theorie, keine Institution, keinen Ort, an dem er gesprochen wird – außer im eigenen Inneren?

 

Hochkreativität erklärte mich. Aber sie erklärte der Welt nicht, wer ich war. Die Welt hatte kein inneres Bild zu diesem Begriff.

 

Je mehr ich suchte, desto deutlicher wurde mir: Hochkreativität ist kein Randphänomen, das übersehen wurde. Sie ist ein blinder Fleck. Nicht, weil sie selten wäre – sondern weil sie im bestehenden System nicht vorkam.

 

Auch wenn sich mit dem Begriff der Hochkreativität in mir grundlegend etwas geklärt hatte, blieb die Hochbegabung zunächst mein geistiges Zuhause. Nicht, weil sie mir wirklich entsprach, sondern weil sie der einzige Ort war, an dem es überhaupt andere Menschen gab, die ähnlich dachten.

 

Hochkreativität war ein inneres Erkennen – aber noch kein äußerer Ort. Es gab keine Gemeinschaft, keine Sprache, keine Resonanzräume. Niemand sammelte sich unter diesem Begriff. Niemand suchte danach. Niemand wusste, dass es ihn geben könnte.

Und so stellte sich sehr schnell eine ganz praktische, fast banale Frage: Wie soll ich mich mit etwas selbständig machen, das niemand kennt? Was könnte mein Mehrwert für andere Menschen oder Unternehmen sein, wenn ich selbst kaum Worte dafür hatte? Wie erklärt man etwas, das sich mehr anfühlt, als dass es sich beschreiben ließe?

 

Die Idee, mich mit Hochkreativität selbständig zu machen, war da – aber sie schwebte im luftleeren Raum. Ohne Nachfrage. Ohne Gegenüber. Und vor allem: ohne Struktur.

 

Ich wusste, dass ich etwas erkannt hatte. Aber ich wusste nicht, wie daraus etwas Reales werden sollte.

 

Wenn Hochkreativität keinen Ort hatte, dachte ich, dann bräuchte sie vielleicht erst einmal ein Dach. Wenn es keinen Begriff gab, unter dem sich Menschen sammeln konnten, dann musste man ihn zunächst tragfähig machen. Und wenn es keine Institution gab, die diesen Denkraum hielt, dann musste man ihn vielleicht selbst bauen.

 

Und so begann ich – wie so oft in meinem Leben – weiterzudenken und initiativ zu werden. Ich dachte erneut an meine Hochschule. An diesen Lern- und Denkort für hochbegabte/hochkreative Menschen, die nicht ins System passen. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir: Von null auf hundert kommt man nicht einfach so. Ich hatte keine Investoren, kein tragfähiges Netzwerk, keine politische Rückendeckung, keine institutionelle Anbindung. Nur eine Idee. Und die war – wie so oft in meinem Leben – zu früh. Zeitlich noch nicht anschlussfähig.

 

Aber wenn ich eines konnte – und bis heute kann –, dann ist es, in Möglichkeitsräumen und Konzepten zu denken und Systeme zu entwerfen. 

Also beschloss ich, klein anzufangen. Nicht gleich mit einer Hochschule. Sondern mit einer Organisation. Einem Verein als Vorstufe und einem realer Ort, an dem sich Menschen begegnen und zusammen weiterdenken könnten.

 

In dieser Phase wurde mir etwas bewusst, das ich zuvor nicht klar gesehen hatte: Hochbegabung war in der gesellschaftlichen Wahrnehmung mit Bildern besetzt, die wenig Raum für Nähe ließen. Sie wurde oft  als elitär, besserwisserisch, kühl, sozial eigentümlich, distanziert wahrgenommen – als etwas, das trennt statt verbindet. Diese Zuschreibungen irritierten mich. Nicht, weil ich ihnen begegnet wäre, sondern weil sie so wenig mit den Menschen übereinstimmten, die ich inzwischen kennengelernt hatte. Denn die meisten hochbegabten Menschen, denen ich begegnete, waren vieles – aber nicht kalt oder abweisend. Viele waren empfindsam, suchend, verletzlich, oft überfordert von der Welt. Menschen, die sich nach Verbindung sehnten, nicht nach Abgrenzung. Für sie – so wurde mir immer klarer – bräuchte es Orte, die nicht erklären, sondern halten. Eine Art sicherer Hafen. Und zugleich ein Anknüpfungspunkt an die Gesellschaft.

 

Genau hier kam für mich die Hochkreativität ins Spiel. Nicht als Erklärung von Leistung. Sondern als Erklärung von innerer Denkbewegung. Als Offenheit und Durchlässigkeit, von Denken in Möglichkeitsfeldern statt in Beweisen. Ich begann, ein erstes Modell zur Hochkreativität zu entwickeln und mir wurde klar Hochkreativität ist kein Persönlichkeitsmerkmal der Hochbegabung sondern eine eigene innere Welteinstellung. Manche hochbegabte Menschen tragen sie in sich. Andere nicht. Viele hochkreative Menschen werden nie als hochbegabt erkannt – weil ihr Denken sich den Vorstellungen der Gesellschaft als auch den standardisierten Testverfahren entzieht. Hochkreativität lässt sich einfach nicht in Standards abbilden. Doch dort, wo sich Hochbegabung und Hochkreativität überschneiden, entsteht eine besondere Spannung: ein Denken,

  • das schnell ist – meistens zu schnell,

  • das höchst leistungsfähig – und doch so ungewöhnlich in seinen Denkwegen ist, das es nicht erkannt werden kann,

  • das das analytische Denken nutzt um zu völlig neuen Ideen zu gelangen.
     

Und genau diese Überschneidung war es, die ich aus meinem eigenen Leben kannte. Nicht als Ausnahme. Sondern als inneres Zuhause. Damit hatte ich plötzlich mehrere Schnittpunkte für eine Vereinsgründung. Und eine Vision: Ich wollte einen Verein gründen, der Hochbegabung und Hochkreativität zusammendenkt. Ich wollte mehr als lose Treffen und Stammtische. Ich wollte reale Orte. Räume. Anlaufstellen – ähnlich wie Nachbarschaftszentren. Orte, um Gleichgesinnte zu treffen und gemeinsam weiterzudenken. um Hilfe und Orientierung zu finden. um Begleitung, Austausch und Entwicklung zu ermöglichen. Denn bis dahin gab es im deutschsprachigen Raum im Wesentlichen zwei Organisationen: Mensa und die DGhK (die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind). Beide leisteten wichtige Arbeit. Aber keine von beiden hatte feste räumliche Anlaufstellen. Keine hatte professionalisierte Beratungsangebote. Vieles hing am Ehrenamt. An Einzelnen, die Großartiges aufbauten – und wenn sie gingen, erschöpft waren oder ihre Lebensphase sich änderte, brach vieles weg. 

 

All das wollte ich mit Myndun, dem Verein für hochbegabte, hochkreative und neurointensive* Menschen ändern. Einem Verein, der bleibt, auch wenn Einzelne gehen.

 

Also begann ich, von dieser Idee zu erzählen. Und es geschah etwas, das ich so nicht erwartet hatte:
Ich blieb mit meiner Idee nicht allein. 
Ich traf auf Menschen, die nicht argwöhnisch fragten: „Wie soll das alles gehen?“ sondern: „Was braucht es, das es geht?“

 

Im Januar 2019 gründete sich Myndun e.V. und im November 2019 öffneten wir in Bad Kreuznach dank dem Entgegenkommen der damaligen Oberbürgermeisterin unsere ersten Räumlichkeiten. Hochbegabte und Hochkreative hatten endlich eine Anlaufstelle, ein Zuhause. Sieh selbst:

*Wortkreation Ivar Aune

Dr. Birgit Wegerich-Bauer
info@hochkreativitaet.de

www.hochkreativitaet.de

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