Einfach schwerere Aufgaben stellen und alles wird gut ?!

Warum Hochbegabtenförderung gerne scheitert und wie man pädagogisch und didaktisch Abhilfe schaffen kann!





In der Fachliteratur als auch in Ratgebern zur Hochbegabtenförderung wird immer wieder aus meiner Sicht sehr lapidar darauf verwiesen, dass die im Schulunterricht gestellten Aufgaben zu leicht für hochbegabte Kinder seien und diese Aufgaben sie langweilen würden. Die Forderung: hochbegabte Kinder bräuchten schwierigere Aufgaben!


Doch leider können mit dieser Aussage nur die wenigsten Lehrkräfte als auch Eltern konkret etwas anfangen. Bei vielen schulpflichtigen, hochbegabten Kindern verpuffen Enrichtment- und Accelerationsmaßnahmen als auch Lernmethodentraining schneller als "schwere" Aufgaben nachgeliefert werden können. Und so sind viele Lehrkräfte im Dauerstress, um für ihre hochbegabten Schülerinnen oder Schülern entsprechende Aufgaben zu entwickeln. Gleichzeitig ist für viele Lehrkräfte trotz "schwererer" Extraaufgaben kein besonderer Leistungszuwachs der Kinder zu erkennen und so lehnen sie Hochbegabtenförderung gerne ab oder negieren vorliegende Hochbegabungen.


Die Forderung nach "schwereren Aufgabenstellungen" ist einfach zu unkonkret und wenig differenziert, als dass sie von Lehrkräften gut gegriffen werden könnte. Was sind schwerere Aufgaben und wie sollten sie gestaltet sein?


Aufgabengestellungen für hochbegabte Kinder und Jugendliche brauchen andere Denkdimensionen und Komplexitätsgrade, damit sie dem Denken der Kinder entgegenkommen, denn einfach schwerere Aufgabenstellungen bringen kein Glücksgefühl eher im Gegenteil. Der Frustfaktor und die innere Verzweiflung der Schülerinnen und Schüler steigt oft mit jeder zusätzlichen Aufgabe.



Adieu aufbauendes Lernen!


Mit der Frage nach entsprechend schwereren Aufgabenstellungen muss sich die Regelschule von ihrer pädagogischen Idee des aufeinander abgestimmten, fächerspezifischen, linear aufbauendem Lernens verabschieden.


Vorbei die aufbauende "ein Schritt nach dem anderen"-Aufgabenstellungsidee! Damit kommt man bei hochbegabten Kindern und Jugendlichen nicht weit.


Doch fangen wir von vorne an: Der pädagogisch-didaktische Ansatz der Schule ist das aufeinander aufbauende Lernen. Linear - ausgehend vom ersten Schritt folgt ein zweiter, ein dritter, ein viert usw. - immer ein bisschen mehr, immer ein höher, immer ein bisschen schwerer! Jedoch immer sehr isoliert.


In der Hochbegabtenförderung und mit der Forderung nach schwereren Aufgaben folgen die meisten Lehrkräfte dieser Idee. Sie beschleunigen Lehrinhalte (aber linear) oder geben mehr an Wissensinput.


Besser alles gleichzeitig und die Einführung von forschenden Metafragen.


Heutzutage wird im schulischen Kontext z.B. nach Sprachen unterschieden. Kinder lernen unabhängig voneinander Englisch ab der Klasse x, Französisch aber der Klasse y, Latein ab der Klasse z - doch es gibt kein Fach, das alle Sprachen gleichzeitig lehrt und sich mit allen Sprachen gleichzeitig auseinandersetzt.


Muten sie den Kindern richtig etwas zu - aber etwas, das im übergeordneten Zusammenhang Sinn ergibt.


Lassen sie die Kinder und Jugendlichen forschen und die wildesten Thesen aufstellen. Lassen Sie sie z.B. im Bereich der Sprachen nach gemeinsamen Strukturen und Zusammenhängen suchen aber auch nach Unterschieden. Lassen Sie sie die Sprachen voneinander ableiten und in geschichtlichen Kontext bringen. - Wie entwickelten sich Sprachen und wie durchmischten sie sich? Und was passiert heute? Welche Sprachströmungen gibt es in Deutschland, Europa, Amerika? Grammatik, Phonetik, Dialekte. Die Grammakik von Programmiersprachen. Solche Aufgaben sind hochkomplex und fordert das Muster- und Strukturerkennungspotential hochbegabter Kinder heraus. Gleichzeitig fördern solche forschenden Metaaufgaben komplexes Denken und Kreativität.


Vergessen Sie als Lehrkraft "richtig und falsch"!

Der Abschied vom Lehrbuchwissen


Forschendes Lernen bedeutet für Lehrkräfte, dass das Ergebnis nicht vorhersehbar ist. Je früher Kinder mit forschende Metaaufgaben vertraut gemacht werden, desto komplexer werden deren Thesen und Forschungsergebnisse. Gerne berufen sich Lehrkräfte dabei auf ihr Lehrbuchwissen - doch viele hochbegabte Kinder sprengen den Lehrbuchrahmen. Dies gilt es zuzulassen.


Am Ende gebe ich gerne Lehrkräften den Hinweis mit auf den Weg: "Schwerer" ist vor allem "forschender"!