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Warum

Kapitel 05

Nebenschauplätze - über meine Versuche mich zu verorten

Noch bevor es Myndun gab und bevor der Begriff der Hochkreativität mich gefunden hatte, gab es eine Reihe von Nebenschauplätzen, die mich irritierten.

Immer dann, wenn ich mich auf die Suche nach dem noch Unentdeckten in mir machte und im Netz nach weiteren Informationen zum Thema Hochbegabung suchte, landete ich auf Homepages, die sich merkwürdig ähnelten. Fast alle waren in Blau gehalten. Ein klares, kühles Blau. Die Farbe von Analyse, Logik und Klarheit. Eine Farbe, die Distanz schafft, ordnet und sauber trennt.

Ich betrachtete diese Seiten nicht nur als Betroffene, sondern auch mit meinem professionell geschulten Blick. Als Kunsthistorikerin, Kunstlehrerin und Webdesignerin hatte ich gelernt, Bilder, Farben und Bildaufbau nicht nur zu sehen, sondern bewusst zu lesen. Gestaltung ist nie neutral. Sie macht sichtbar, was gesellschaftlich als gültig gilt, welche Grundhaltungen verinnerlicht sind und welche Annahmen unausgesprochen mitgetragen werden.

Je länger ich hinsah, desto deutlicher traten die Wiederholungen hervor. Ob auf Homepages, in Informationsbroschüren oder auf Buchcovern: Immer wieder sah ich Kinder mit einer Glühbirne über dem Kopf oder junge Männer vor Tafeln voller mathematischer Gleichungen. Hochbegabung erschien visuell als etwas Helles, Orginelles aber zugleich mathematisch Kaltes. Als reine – meist männlich konnotierte – Denkleistung. Als Kopf ohne Körper, ohne Gefühl, ohne Lebendigkeit.

Auffällig war der Kontrast zu den Darstellungen zur Hochsensibilität. Rosa, Hellgrün, Beige. Diese Seiten waren meist in pastelligen Farben gehalten, weich, lichtdurchflutet, zart. Häufig waren Frauen abgebildet: still, fein, beinahe ätherisch. Auch hier wiederholte sich ein Bild – nur ein anderes. Empfindsam, sanft, verletzlich und ebenfalls fast körperlos.

Obwohl ich selbst vermutlich hochsensibel bin, fand ich mich in diesen Darstellungen nicht wieder. Die damals gängigen Tests erschienen mir zu manipulierbar, zu abhängig von Tagesform, Selbstbild und Bedürfnissen. Vor allem aber irritierte mich das Bild, das hier vermittelt wurde. Es war mir zu einseitig. Zu zart. Zu still. Empfindsamkeit erschien fast immer gepaart mit Verletzlichkeit, Wahrnehmung häufig verbunden mit dem Bedürfnis des Gesehenwerdens. Introversion als gelebtes Muss!
 

Zunehmend fiel mir auf, dass im Begriff der Hochsensibilität zwei sehr unterschiedliche Ebenen miteinander vermischt wurden: eine ausgeprägte sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit und eine intensive emotionale Verarbeitung. Beides wurde unter demselben Begriff zusammengeführt, ohne klar zu unterscheiden, ob es um die Feinheit der Wahrnehmung oder um die Art der inneren Verarbeitung ging. Reizoffenheit und emotionale Verarbeitung wurden gleichgesetzt – als wären sie dasselbe.

Was dabei kaum sichtbar wurde, war die gedankliche Dimension die mit dieser hohen Wahrnehmungsfähigkeit zusammenhing. Die Fähigkeit, aus unbeschreiblich vielen Sinneseindrücken komplexe Zusammenhänge zu bilden, Spannungen auszuhalten, Widersprüche zu denken. Hochsensibilität wurde ästhetisch wie inhaltlich auf empfindsame Sanftheit reduziert und damit aus meiner Sicht radikal verkürzt. Wahrnehmung erschien vor allem als emotionale Reaktion, nicht als erkenntnisfähige, denkende Bewegung.

So wurden Wahrnehmung und Denken voneinander getrennt, Gefühl vom Verstehen gelöst. Hochsensibilität erschien als etwas, das behütet werden musste – nicht als etwas, das denken, gestalten und widersprechen konnte.

Zwischen diesen beiden Bildwelten schien es kaum Übergänge zu geben:
Hier das kühle Blau der Hochbegabung – analytisch, logisch, männlich gelesen.
Dort die pastelligen Farbtöne der Hochsensibilität – weich, fein, weiblich konnotiert.

Und ich stand dazwischen.

Ich schaute mir diese Seiten an – und fand mich nicht wieder. All das, was mir dort begegnete, hatte wenig mit meinem inneren Erleben zu tun. Mit meiner Art zu denken, zu fühlen und in der Welt zu sein. Mir fehlten Wärme und Lebendigkeit, aber ebenso Tiefe und gedankliche Radikalität. Mir fehlten Widersprüchlichkeit, Sinnsuche, Kreativität und philosophische Tiefe. 

Je länger ich hinsah, desto klarer wurde mir: Hier zeigte sich nicht nur ein ästhetisches Problem. Hier spiegelte sich eine gesellschaftliche Sicht auf zwei Phänomene, die getrennt nebeneinander gestellt wurden – und die sich weitgehend unreflektiert auf hochbegabte Kinder, Jugendliche und Erwachsene übertrug.​ Hochbegabte waren kühl, abgehoben, funktional elitär. Hochsensible zart, verletzlich, schutzbedürftig, introvertiert. Und genau zwischen diesen Polen gingen jene verloren, die beides in sich trugen: hohe gedankliche Intensität und feine Wahrnehmung, analytische Schärfe und emotionale Durchlässigkeit, kreative Unruhe und philosophische Tiefe. Menschen, die nicht nur dachten – und nicht nur fühlten –, sondern mit ihrem ganzen Sein in suchender Bewegung waren.

Einzige Ausnahme war damals für mich Anne Heintzes buntes Zebra in ihrem Buch "Außergewöhnlich normal". Dieses Zebra faszinierte mich und ich fühlte mich innerlich zutiefst mit ihm verbunden. 

Ein weiterer Nebenschauplatz öffnete sich, als ich auf die Bücher von Barbara Sher und ihre Theorie der Scanner-Persönlichkeit stieß. Ihre Texte sprachen mich an. Die bildhafte Sprache, die vielen Metaphern und auch die visuelle Gestaltung wirkten offener, spielerischer, lebendiger als vieles, was mir bis dahin begegnet war. Sie hatte etwas in ihren Ausführungen, was mich an das buten Zebra von Anne Heintze erinnerte. Gleichzeitig irritierte mich jedoch ihre begriffliche Unschärfe. Begriffe wie Tausendsassa, Vielbegabung, DaVinci-Mensch oder Generalist wurden vermischt, ohne klar voneinander unterschieden zu werden. Dennoch fand ich mich zunächst in den Bildern und im Aufbau jener Seiten wieder, die sich mit dem Persönlichkeitsbild des Scanners befassten.​ Bis ich an eine Stelle in ihrem Buch "Du musst dich nicht entscheiden, wenn du 1000 Träume hast" stieß, die für mich einen Bruch markierte: „Scanner lieben es, zu lesen und zu schreiben, zu reparieren und Dinge zu erfinden, Projekte und Geschäftsideen zu entwickeln, zu kochen, zu singen und perfekte Dinnerpartys zu geben.“ Passte der erste Teil dieser Beschreibung fast perfekt auf hochbegabte Vielbegabte oder vielbegabte Hochbegabte, begann es spätestens bei Kochen und Singen für mich zu kippen – und bei perfekten Dinnerpartys war ich ganz raus. Viele Hochbegabte langweilten sich auf großen Feiern, mieden sie oder zogen sich früh zurück. Hier stimmte etwas Grundsätzliches nicht mehr.

Von da an hatten Barbara Shers Scanner und Hochbegabung für mich keine innere Schnittmenge mehr. Viele Hochbegabte waren vielbegabt, doch sie hatten wenig mit jenen Menschen gemeinsam, die Sher als Scanner beschrieb. Der Unterschied lag nicht in der Anzahl der Interessen, sondern in der Tiefe, der Komplexität und der Intensität der Auseinandersetzung mit Themen, Dingen und Techniken. Hochbegabte Vielbegabte oder umgekehrt waren keine Scanner – Punkt.

Ein weiterer Nebenschauplatz öffnete sich, als ich zeitgleich begann, mich mit ADHS zu beschäftigen. Nicht, weil ich mich darin sofort wiederfand. Sondern weil mir dieser Begriff zunehmend begegnete – in Gesprächen, Artikeln und Erklärungsmodellen für Menschen, die quer dachten, in Gedanken sprangen, viel sahen, viel wahrnahmen und sich zugleich schwer taten, in "normalen" Systemen zu bleiben. Ich las von Aufmerksamkeitsproblemen, Impulsivität, mangelnder Selbststeuerung – aber auch von Kreativität, Ideenreichtum, Schnelligkeit und ungewöhnlichen Lösungswegen.

 

Wieder war da dieses Gefühl: Es passt fast. Und wieder eben nur fast.

Denn vieles, was als ADHS beschrieben wurde, erklärte äußere Phänomene – nicht aber den Kern meines Erlebens. Mein Denken war nicht "dauerhaft" zerstreut. ich konnte mich durchaus sehr gut konzentrieren. Es war nicht chaotisch. Es war nur oft zu gleichzeitig, zu vernetzt, zu vielschichtig und zu "verrückt" für die Anforderungen, denen es begegnete. Auch hier stieß ich auf Tests, Checklisten und Symptomkataloge und auch hier blieb Unbehagen in mir zurück. Zu grob. Zu kontextlos. Zu sehr auf Abweichung fokussiert. ADHS erklärte, warum etwas nicht funktionierte. Es erklärte mir aber nicht, wie und was ich dachte und wie und was ich wahrnahm.

Und dann kam der nächste Nebenschauplatz - der schmerzlichste!

Underachievement.

Der Begriff tauchte irgendwann auf – scheinbar aus dem Nichts. Und er tat etwas Merkwürdiges: Er erklärte mich. Und verurteilte mich zugleich.

 

Zuerst wirkte er fast tröstlich. Als Spätentdeckte – na klar. Natürlich hatte ich meine „PS“ nicht auf die Straße gebracht. Wie auch? Ich hatte ja nichts von meinem Potenzial gewusst. Kein Kompass, kein Spiegel, kein Wort dafür. In dieser Lesart war Underachievement beinahe eine erleichternde und milde Erklärung. Eine nachträgliche Entlastung.

Doch diese Entlastung hielt nicht lange. Denn die Zeit verging.  Ich wusste nun von meiner Hochbegabung. Ich hatte gelesen, verstanden und eingeordnet. Und dennoch stellte sich das, was vermeintlich hätte kommen müssen, nicht ein: der sichtbare Erfolg, die lineare Karriere, das eindeutige Ankommen.

Und genau an diesem Punkt kippte der Begriff. Aus einer Erklärung wurde ein Urteil. Aus einem Deutungsangebot ein innerer Vorwurf.

Underachievement fühlte sich plötzlich nicht mehr wie ein Begriff an, sondern wie ein Stempel. Wie ein Schwert, das unausgesprochen über allem hing: DU hast es nicht geschafft! DU hast dein Potenzial vergeudet! DU hast nichts daraus gemacht!

Es war, als würde all das, was ich geleistet hatte, unsichtbar werden. Als zählten keine Nächte des Denkens, keine Jahre des Suchens, keine aufgebauten Projekte, keine Versuche, etwas Eigenes in die Welt zu bringen. Alles schrumpfte zusammen auf ein einziges Wort: Minderleistung!

Und dieses Wort kroch unter die Haut. Es machte aus meinem Leben ein Versäumnis, aus meinem Weg einen einzigen Fehler, aus mir die Verantwortliche für alles, was nicht entsprechend „aufging“. 

 

Ich begann, mich selbst anzuklagen. Nicht das System. Nicht die Maßstäbe. Nicht die Erwartungen von außen. Ich war die Schuldige!

Underachievement fühlte sich nun an wie ein permanenter Vorwurf. Als hätte ich es besser wissen müssen. Als hätte ich nur mehr Disziplin, mehr Fokus, mehr Zielstrebigkeit, mehr Biss gebraucht. Als hätte ich mein kognitives Potenzial – und ja, der Gedanke tat weh – verzockt.
 

In diesem Begriff steckte keine lebendig-freuende Neugier mehr. Keine Frage. Keine Offenheit. Nur noch Schuld. Und genau deshalb tat dieser Nebenschauplatz so weh. Weil er nicht nur erklärte, warum etwas nicht funktionierte – sondern mir einredete, dass ich selbst das Problem sei.

Die gängigen Erklärungen zum Underachievement verunsicherten mich. Fehlende Motivation, fehlender Selbstwert, keine innere Strategie, kein regulatives Konzept für gute Selbststeuerung – all das wurde genannt. Doch eine Frage blieb meist unbeantwortet: Wie denkt dieser Mensch eigentlich?

 

Als damaliges Mitglied der Deutschen Gesellschaft für stieß ich auf das Konzept des divergenten Denkens von Joy Paul Guilford. Und plötzlich ergab vieles Sinn. Während konvergentes (lineares) Denken auf erwartete Lösungen zielt, produziert divergentes Denken neue Fragen, neue Denkwege, neue Zusammenhänge, neue Antworten. Schule und Ausbildung belohnen vor allem das Reproduzieren des Erwarteten. Unkonventionelle Gedanken sprengen den Rahmen – und werden selten verstanden.

Und so begann ich zu vermuten: Underachiever sind keine Minderleister. Sondern vielleicht divergentdenkende Hochleister. Menschen, deren Denken nicht darauf ausgerichtet ist, schnell zu funktionieren oder Erwartungen zu erfüllen, sondern Möglichkeitsräume zu öffnen, Zusammenhänge neu zu denken und Spannungen auszuhalten – ein Denken, das anderen inneren Logiken folgt und gerade deshalb nicht in gängige Leistungsmuster passt. 

Und plötzlich fielen mir all die armen Schulkinder ein, die verzweifelt mit dem System kämpfen, um endlich "richtig" zu sein. Mir fielen die hochbegabten Systemsprenger ein, die verzweifelt versuchen sich zu erklären. Mir fielen all die vielen vielbegabten Hochbegabten ein, die von einen Job in den nächsten wechselten und immer auf der Suche nach neuen Denkherausforderungen waren und somit keine Karriere machen (konnten).

Underachievement war kein Zeichen von Unfähigkeit. Sondern ein Hinweis auf eine Denkweise, für die es im bestehenden Leistungssystem kaum Raum gibt.

Rückblickend waren all diese Nebenschauplätze keine Abwege. Sie waren Spiegel. Keiner erklärte mich vollständig. Aber jeder zeigte mir etwas – über Begriffe, Bilder und Modelle, mit denen ich versuchte, mein Denken, meine Wahrnehmungen und mein Leben einzuordnen. 

Was sich durch all diese Erfahrungen zog, war ein merkwürdiges Dazwischen. Ich passte fast. Aber nie ganz.

Vielleicht war genau das der blinde Fleck all dieser Modelle: Sie suchten nach Abweichungen – nicht nach innerer Logik. Sie fragten, warum etwas nicht funktionierte – nicht, wie jemand wahrnahm und dachte. Und vielleicht begann genau hier etwas sichtbar zu werden.
 

Denn am Ende waren diese Nebenschauplätze notwendig um den "Nährboden" zu bereiten für einen Begriff, der später kommen sollte und all das aufnehmen konnte, was zuvor keinen Ort hatte - die Hochkreativität.

Dr. Birgit Wegerich-Bauer
info@hochkreativitaet.de

www.hochkreativitaet.de

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