
HOCH
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Kapitel 06
Der Anfang vom Ende
Myndun war meine Spielwiese.
Hier konnte ich denken, entwerfen, verwerfen, neu zusammensetzen. Ich entwickelte Konzepte, begegnete Menschen, baute gedanklich an „meiner“ Hochschule weiter. Mein theoretisches Modell der Hochkreativität begann zu leben - es füllte sich mit den Lebensgeschichten anderer, bekam Gesichter, Stimmen und Resonanz.
Alles schien zu passen.
Ich war glücklich. Einfach so.
Vier Monate nach dem Einzug in unsere ersten eigenen vier Myndun-Wände kam Corona. Kontaktverbote. Isolation. Geschlossene Räume. Orte der Begegnung wurden zu Gefahrenzonen erklärt. Für ein Projekt, das von Austausch, Nähe und gemeinsamem Denken lebte - und das gerade erst begonnen hatte -, war das ein existenzieller Schlag.
Fast zeitgleich brachen meine Aufträge als Webdesignerin weg – jene Arbeit, die mich persönlich und den Verein finanziell getragen hatte. Innerhalb weniger Wochen wurde die Grundlage, auf der alles stand, brüchig.
Ich gründete digitale Teeküchen und virtuelle Wohnzimmer - provisorische Online-Räume, in denen wir uns sehen, sprechen, weiterdenken konnten. Gleichzeitig griff ich auf mein Erspartes zurück, um ein Überleben zu sichern. Alles in der Hoffnung auf baldige Weiterführung.
Im Sommer keimte Zuversicht auf.
Wir richteten Co-Schooling-Plätze für Kinder ein und konzipierten Outdoor-Angebote für hochbegabte Kinder. Wir waren erfinderisch. Beweglich. Zuversichtlich.
Wir hätten es vielleicht geschafft – wenn nicht der nächste Coronawinter gekommen wäre. Wieder geschlossene Türen. Wieder Stillstand.
Auch eine geringe Miete in Bad Kreuznach muss bezahlt werden. Und wenn ein Verein seine Angebote nicht durchführen kann, fehlen die Beiträge, die ihn tragen. Meine Arbeit als Webdesignerin war inzwischen – nachvollziehbarerweise – vollständig zum Erliegen gekommen. Es schien, als brauche niemand mehr mein Können.
Ein altes Gefühl meldete sich zurück. Hilflosigkeit. Ausgeliefertsein. Die Ohnmacht gegenüber übergeordneten Beschlüssen. Etwas in mir wurde erneut berührt, vielleicht sogar reaktiviert – eine leise Retraumatisierung, die ich damals noch nicht so benennen konnte.
Nach einem unschönen Vorfall im Verein traf ich eine Entscheidung – oder vielleicht traf sie mich. Ich stieg aus.
Man hatte mir, wie ich es heute nenne, den roten Teppich des Ausstiegs ausgerollt. In meinem eigenen Verein, den ich gegründet hatte, war ich für zwei Personen nicht mehr willkommen. Sie verfolgten eigene Vorstellungen, die ich lange nicht sehen wollte - oder nicht sehen konnte.
Damals verstand ich noch nicht, welche Dynamik einzelne Personen in einem System entfalten können. Ein solches Szenario hätte ich mir in meinen schlimmsten Alpträumen nicht ausmalen können.
Aber es war Realität.
Der rote Teppich lag da. Und ich wurde gebeten zu gehen.
Was mich damals tief verletzte, mich aber - im Rückblick - vor möglichen finanziellen Folgen bewahrte, war ein Umstand, dessen Tragweite mir erst später bewusst wurde: Als Vorstand eines gemeinnützigen Vereins haftet man mit seinem persönlichen Vermögen. Erst im Nachhinein wurde mir klar, wie schnell aus Vertrauen Mitverantwortung - und aus Mitverantwortung persönliche Haftung - werden kann.
Man lebt vorwärts und versteht rückwärts.
Kierkegaard hatte recht.
Schlagartig war da Leere. Keine Vereinsaufgaben mehr. Keine Webseiten, die gebaut werden wollten. Kein Denken, das die Zukunft gestaltete. Meine Tage wurden still – zu still für mich Wuselkopf.
Wie so viele, die in dieser Zeit ihre berufliche Grundlage verloren, versuchte auch ich, die Zwischenzeit zu überbrücken und überstehen. Doch die Tage dehnten sich, verloren Kontur. Schließlich meldete ich mich bei der Arbeitsagentur als arbeitssuchend. Während meiner gesamten Selbstständigkeit hatte ich glücklicherweise in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt. Es war kein Aufgeben. Eher ein Innehalten. Eine Zwischenstation in einem Leben, das gerade nicht wusste, wohin es als Nächstes wollte.
Drei Wochen später begann ich als Jobcoach bei einer Bildungseinrichtung. Der Zufall schien mir gewogen. Allerdings nur auf Zeit - der Vertrag war befristet. Dauerhaft sah ich mich dort ohnehin nicht. Aber diese Anstellung verschaffte mir etwas, das ich dringend brauchte: Ablenkung im Kopf und einen freien Kopf für Neuorientierung.
Ich begann wieder Pläne zu schmieden.
Ich wollte gerne erneut im Bereich Hochbegabung arbeiten - als pädagogische Beraterin im Waldorschul-Umfeld, denn in der Waldorfpädagogik war das Thema Hochbegabung nicht besetzt. Zugleich spielte ich mit dem Gedanken, mich auf Dozentenstellen oder Professsuren im Bereich Kunsttheorie oder Kunstgeschichte zu bewerben. Beides lag mir. Beides war denkbar und möglich.
Also los! Abwarten und Aufschieben standen nie weit oben auf meiner inneren Agenda.
Nach Langem konnte ich wieder nach vorne schauen - aber dann kam alles anders ...
Dr. Birgit Wegerich-Bauer
info@hochkreativitaet.de

