top of page
Image by BoliviaInteligente

Warum

Kapitel 02

Mit und gegen die Einsamkeit

Mit und gegen die Einsamkeit – so lässt sich ein Großteil meines Lebens beschreiben. Mit ihr, weil sie mich schützte, mir Raum gab, Gedanken zu denken, die ich sonst vielleicht nie hätte denken können. Und gleichzeitig gegen sie, weil sie mich zermürbte, mich an mir zweifeln ließ, mir das Gefühl gab, falsch zu sein – oder zu viel und zugleich nicht genug. Ich lebte jahrzehntelang in diesem Spannungsfeld: tief verbunden mit der Einsamkeit – und doch gefangen in ihr.

 

Ein eingebranntes Bild

Es gibt Erlebnisse, die sich nicht einfach so erinnern lassen – sie sind eingebrannt. Tief, hartnäckig, unerklärlich, bis ein halbes Leben später plötzlich ein Licht darauf fällt. Eines dieser Erlebnisse begleitet mich bis heute wie ein stiller Schatten.

   Ich erzähle es hier, weil es so vieles erklärt, was mich verunsicherte – und zugleich antrieb.

   Ich war sechs, vielleicht sieben Jahre alt. Anfang der 70er Jahre. Ein Sommertag, weich und hell, wie er sich in Kindheitserinnerungen einprägt. Ich war erleichtert, endlich Sandalen tragen zu dürfen – keine kratzigen Strumpfhosen, keine rutschenden Kniestrümpfe. Der Schulhof war täglicher Treffpunkt aller Kinder aus dem Stadtteil: dunkler, heiß flimmernder Asphalt; drei alte Kastanien wie ein knorriges Dreieck in der Mitte; drei splittrige Holzbänke ohne Rückenlehne. Aus heutiger Sicht: Tristesse pur.

   An diesem Nachmittag kam ich wie immer nach den Hausaufgaben zum Spielen. Das Gruppenspiel war bereits in vollem Gange. Bis heute höre ich das Patschen der Sandalen, das helle Lachen, die Rufe – diese unbeschwerte kindliche Lebendigkeit. Ich kletterte auf das Gitter am Eingangstor und überlegte, wie ich mich in das Spiel einbringen könnte, als mir Jutta und Ferdinand auffielen. Zwei Kinder aus meiner Klasse, wenig beliebt. Nicht schnell, nicht clever und auch nicht besonders lustig. Wenn keine Aufsichtsperson in der Nähe war, wurden sie nie ins Spiel einbezogen. Das tat mir schon damals leid – weil sie, so empfand ich, nichts dafür konnten. Sie standen dicht nebeneinander am Rand des Spielfeldes und beobachteten die anderen still. Für mich fühlte sich diese Ausgrenzung falsch an, und so hatte ich eine Idee: Eine minimale Änderung im Spielablauf – kaum bemerkbar – und schon könnten sie mitspielen, ohne dass das große Spiel gestört würde.

  Als die Spielrunde endete, ging ich zur Gruppe und erklärte den spielenden Kindern meine Idee. Doch niemand wollte sie hören. „Doof!“ – „Unnötig!“ – „Stört nur!“

   Verwirrt und verunsichert wandte ich mich an Jutta und Ferdinand. Vielleicht würden sie mich verstehen und sich freuen endlich mitspielen zu können. Doch auch sie blickten mich nur mit großen Augen unverständig an. Weder mein Anliegen noch meine Idee noch meine Intention kam bei ihnen an.

   Und so stand ich plötzlich da: nicht mehr als Abwartende am Rand sondern als Außenseiterin. Unbeabsichtigt hatte ich zwei Lager gegen mich aufgebracht: die spielende Gruppe, die meine Idee als Störung empfand, und Jutta und Ferdinand, die in ihrer gemeinsamen Randposition ein kleines „Wir“ gebildet hatten – ein Wir, dass sich über das gemeinsame Beklagen des Ausschlusses vom Spielgeschehen gefunden hatte. Meine Idee, die Brücken zwischen ihnen und der Gruppe bauen sollte, hinterließ einen Graben zwischen mir und allen anderen. Und so stand ich mitten auf dem Schulhof, umgeben von Kindern – und gleichzeitig vollkommen allein. Allein mit meiner Idee. Allein mit einer Einsamkeit, deren Herkunft ich erst Jahrzehnte später begreifen würde.

 

Ich musste neunundvierzig Jahre alt werden, um diese Szene – und viele andere meines Lebens – überhaupt einordnen zu können.

 

 

Die neue Verwirrung

Man könnte meinen, die unglaubliche Zahl auf meinem IQ-Zertifikat hätte auf einen Schlag alle Fragen meines Lebens beantwortet. Doch das Gegenteil war der Fall: Mit dem Testergebnis kamen neue Fragen – groß, schwer und vor allem bedrängend.

 

Wenn ich wirklich so intelligent sein sollte, 

  • warum habe ich mich mein Leben lang nie so gefühlt?

  • warum spiegelten meine Schulnoten und mein beruflicher Weg diese Begabung nicht wider?

  • warum verstand ich Fragen und Aufgaben so oft falsch?

  • warum gab ich so oft falsche Antworten?

  • warum fand ich sozial und beruflich so wenig Passung, wenn ich doch angeblich Strukturen so schnell erkenne?

  • warum fühlte sich so vieles so unendlich schwer an?

  • warum gelang es mir nicht, mein Potenzial in Leistung zu verwandeln?

Müsste mir nicht eigentlich alles leichter fallen? Müsste ich nicht verstehen, wie andere denken, wie sie kommunizieren, was sie interessiert? Müsste ich nicht längst gelernt haben, wie man „erfolgreich“ ist?

 

Die Zahl auf dem Papier und mein gelebtes Leben passten nicht zueinander. Überhaupt nicht!

Die Erinnerung an ein leises Sehnen

Mitten in diesem inneren Durcheinander tauchte eine weitere alte Erinnerung auf: Ich sah mich als Kind im Wohnzimmer meiner Eltern, Samstagabend, eine große Fernseh-Quizshow. Ein Mann war zu Gast, der erzählte, er sei Mitglied bei Mensa. Ich verstand kaum, was das bedeutete. Aber der Satz löste etwas in mir aus – ein leises Träumen: „Zu so einem Verein würde ich gerne gehören.“ Er blieb – jahrzehntelang – unbemerkt in mir gespeichert. Bis zu dem Moment, als meine Therapeutin nach dem IQ-Test sagte: „Sie wissen jetzt, wo Sie hingehören.“

Mensa – Hoffnung, Ernüchterung, Erkenntnis

Und so meldete ich mich bei Mensa in der Hoffnung an, dort Menschen zu finden, die ähnlich denken wie ich – Menschen, mit denen Resonanz möglich wäre. Menschen, deren Intelligenz nicht nur scharf und logisch, sondern auch durchlässig und komplex verwoben ist; nicht nur schnell, sondern auch beweglich; nicht nur analytisch, sondern schöpferisch. Menschen, mit denen man die Welt auseinandernehmen und wieder neu zusammensetzen kann.

   Die ersten Stammtischtreffen waren freundlich, offen und zugewandt. Ich traf Menschen mit Biografien voller Brüche und Umwegen – Lebenswege, die mich berührten, weil sie mir vertraut waren. Für einen kurzen Moment glaubte ich, angekommen zu sein. Doch mit der Zeit bemerkte ich etwas in mir, das sich leise regte: keine Enttäuschung, kein Groll – eher ein sanftes Verrutschen im Inneren, ein kaum hörbares „Das ist es nicht ganz“. Ein Gefühl, dass mein eigenes Denken hier nicht das Gegenüber fand, nach dem es sich so lange gesehnt hatte.

    Die Gespräche berührten mich selten an den Stellen, an denen mein Denken lebendig wird. Sie bewegten sich oft auf der Ebene des Vergleichens statt des Verbindens, suchten den Beweis statt das Neue und bis dato Undenkbare, setzten auf das klare Argument statt auf eine Vielzahl offener Fragen. Es war ein Denken, das präzise war – aber für mich zu wenig eröffnend, zu wenig spielerisch, zu wenig mutig im Möglichkeitsraum.

   Und plötzlich begriff ich: Ich suchte nach etwas anderem. Nach einem Denken, das sich im Miteinander bewegt – nicht im Gegeneinander. Nach Gesprächen, die nicht messen, sondern gemeinsam wachsen. Nach Resonanz, die entsteht, wenn zwei Denkseelen einander berühren.

   Mensa wurde zu einem Spiegel für mich. Er zeigte mir deutlich, wonach ich mich wirklich sehnte und was ich in mir selbst erst erkennen musste: Ich suchte nicht nur Menschen, die intelligent sind, ich suchte Menschen, die komplex, empfindsam, durchlässig, schöpferisch und fern ab von every Box denken. Menschen, die nicht „wissen“, sondern erkunden. Nicht argumentieren, sondern resonieren.

   Einige wenige Begegnungen erfüllten genau das – und sie gehören bis heute zu meinen kostbarsten Weggefährten und -gefährtinnen. Sie waren die Funken, die blieben und in mir ein warmes Feuer anfachten. Doch der Verein als Ganzes war kein Zuhause für mich. Nicht, weil er zu wenig bot, sondern weil ich etwas anderes brauchte – etwas, das ich damals noch nicht benennen konnte: Ich suchte Räume, in denen Denken sich ausdehnen darf. Räume, die nicht Intelligenz feiern, sondern Altes zu Neuem verbinden. Räume für Hochkreativität – lange bevor mir dieses Wort überhaupt begegnete.

    Und so wurde Mensa Teil meiner Reise: kein Ziel, sondern ein Wegweiser. Ein Ort, der mir half, klarer zu sehen, wohin ich eigentlich unterwegs war.

 

Im nächsten Kapitel werde ich erzählen, wie ich über viele Umwege zu dem Begriff der Hochkreativität kam – und was diese Erkenntnis in meinem Leben ausgelöste.

Dr. Birgit Wegerich-Bauer
info@hochkreativitaet.de

www.hochkreativitaet.de

Social Media

  • LinkedIn
bottom of page