Wir müssen uns nicht wundern
- 16. Feb.
- 4 Min. Lesezeit

Wir müssen uns nicht wundern, wenn Kinder heute vermehrt autistische bzw. AuDHS Züge zeigen.
Wir müssen uns nicht wundern, wenn sie sich in offenen sozialen Situationen schwertun, klare Strukturen einfordern, auf Reize empfindlich reagieren, Mehrdeutigkeiten meiden und sich lieber in regelhafte, vorhersehbare – häufig digitale – Räume zurückziehen.
Wir müssen uns nicht wundern. Denn die Welt, in der sie aufwachsen, folgt längst einer autistischen Logik.
Doch immer mehr Eltern und Lehrkräfte wundern sich ....
Digitale Räume sind nicht menschenneutral
Digitale Systeme wurden nicht für kindliche Entwicklung entworfen. Doch Kinder wachsen in ihnen auf. Digitale Räume wurden vor allem aus technischen, funktionalen und ökonomischen Notwendigkeiten heraus entwickelt – und maßgeblich von Menschen geprägt, für die strukturierte, regelbasierte und distanzierte Kommunikationsformen gut funktionieren.
So entstanden Kommunikationsräume, die Unsicherheit minimieren und soziale Komplexität reduzieren. Gespräche werden in klar abgegrenzte Sprechphasen überführt, sodass eindeutig ist, wer wann „an der Gesprächsreihe“ ist. Soziale Interaktion mit Blickkontakt, Körpersprache und situativer Resonanz wird auf Textfelder, Sprechblasen oder standardisierte Reaktionen verdichtet.
Videocalls markieren dabei keinen Übergang zurück zur leiblichen Begegnung, sondern sind die digitale Simulation von Nähe. Der entscheidende Unterschied liegt im Blickkontakt: Er findet nicht statt – und er kann technisch auch nicht stattfinden. Wer in die Kamera blickt, sieht sein Gegenüber nicht. Wer sein Gegenüber ansieht, blickt an der Kamera vorbei. Mein Gegenüberschaut permanent nach unten. Dadurch werden die Augen verschattet und was als Augenkontakt "erlebt wird", ist eine optische Illusion.
Damit fehlt ein elementares Moment jedes Gesprächs: das unmittelbare, gegenseitige Wahrnehmen des Anderen. Mimik, feine Spannungswechsel, minimale emotionale Regungen lassen sich nur fragmentarisch erfassen. Emotionen werden erraten, nicht gelesen. Resonanz entsteht verzögert oder gar nicht.
Körpersprache ist im Videocall auf einen Bildausschnitt reduziert, oft auf Kopf und Schultern. Haltung, Atmung, Bewegung, Nähe und Distanz verschwinden aus dem Wahrnehmungsfeld. Mikroverzögerungen, eingefrorene Bilder, Stummschaltungen und technische Unterbrechungen zerschneiden den natürlichen Gesprächsfluss.
Was als „persönlicher Austausch“ erscheint, folgt weiterhin einer formalen Ordnung: Redezeiten werden implizit oder technisch geregelt, Unterbrechungen irritieren, spontane Übergänge wirken störend. Wer spricht, wird sichtbar. Wer schweigt, verschwindet.
Videocalls reduzieren damit soziale Komplexität nicht zufällig, sondern strukturell. Sie begünstigen Kommunikationsformen, die ohne unmittelbare Resonanz auskommen – und fördern genau jene Verhaltensweisen, die später als autismusähnliche Züge beschrieben werden: Rückzug, Selbstkontrolle, Orientierung an Regeln, Vermeidung von Unsicherheit.
Diese Kommunikationsformen folgen Logiken von Eindeutigkeit, Regelhaftigkeit und formaler Kommunikation.
Digitale Räume sind somit:
textbasiert oder bildschirmvermittelt statt leiblich-körpersprachlich
regelgeleitet statt situativ-emotional
ausnahmeunfreundlich statt dialogisch
rückmeldebasiert statt resonanzbasiert
Sie minimieren soziale Unschärfe, reduzieren implizite Erwartungen und ersetzen Beziehung durch Protokoll, Bewertung oder Feedbackmechanismen.
Das ist keine moralische Kritik. Es ist eine strukturelle Beschreibung.
Systeme prägen Wahrnehmung
Zuerst erschaffen Menschen Systeme – und dann prägen Systeme Menschen. Oder, um es mit Winston Churchill zu sagen: „We shape our buildings; thereafter they shape us.“
Kinder wachsen heute nicht neben digitalen Strukturen auf, sondern in ihnen. Von Beginn an lernen sie, wie Kommunikation „funktioniert“: worauf reagiert wird, was irritiert, was Sicherheit gibt und was vermieden werden sollte. Und abschauend von den Erwachsenen, welchem Medium der Vorrang gegeben wird.
Wenn eine Welt vor allem dort verlässlich reagiert, wo Regeln eingehalten werden, Abläufe klar sind und Erwartungen explizit und gleichzeitig implizit formuliert werden, dann ist es folgerichtig, dass Kinder genau diese Kompetenzen ausbilden.
Autistische Züge entstehen hier nicht als Störung, sondern als Passungsleistung.
Autistische Züge als kulturelles Lernprodukt
Autistische Züge sind in diesem Sinne ein kulturelles Lernprodukt. Was heute oft als „auffällig“ beschrieben wird, ist häufig nichts anderes als eine hochfunktionale Anpassung an eine Welt, die Ambiguität, Körpersprache, implizite soziale Aushandlung und leibliche Resonanz zunehmend aus ihren zentralen Funktionszusammenhängen verdrängt.
Kinder lernen:
sich zurückzunehmen
Reize zu kontrollieren
sich an Regeln zu orientieren
Kommunikation zu strukturieren
Unsicherheit zu vermeiden
Nicht, weil sie autistisch sind, sondern weil Systeme genau dieses Verhalten belohnen.
Wir müssen uns also nicht wundern, wenn Kinder autistische Züge zeigen.
Wir müssten uns wundern, wenn sie es nicht täten.
Ein notwendiger Beisatz
Ein Hinweis ist dennoch wichtig – auch wenn sie nicht den Kern dieses Textes bildet: Autismus bezeichnet eine neurobiologische Ausprägung menschlicher Wahrnehmung und Verarbeitung. Autistische Züge hingegen können als Reaktion auf bestimmte Umwelteinflüsse und Systembedingungen entstehen. Eine Ähnlichkeit im Verhalten bedeutet keine Gleichheit in der Ursache.
Diese Unterscheidung ist mir wichtig, um Autismus nicht zu verkürzen und zu banalisieren – und doch geht es mir darum sichtbar zu machen, dass Systeme bestimmte Formen von Verhalten begünstigen und andere erschweren.
Wenn Systeme enger werden, werden Kinder auffällig
Je stärker also digitale, standardisierte und formal geregelte Logiken in Bildungs- und Lebensräume eindringen, desto häufiger geraten Kinder unter Anpassungsdruck. Manche reagieren mit Rückzug, andere mit Überforderung, wieder andere mit auffälligem Verhalten. Was wir dann beobachten, ist keine individuelle Abweichung, sondern eine systematische Nicht-Passung.
Kinder zeigen uns nur, wie eng oder weit die Räume sind, die wir ihnen zur Verfügung stellen.
Eine unbequeme Schlussfolgerung
Die Frage sollte aus meiner Sicht nicht lauten, warum Kinder heute anders sind. Die Frage müsste heißen, warum wir erwarten, dass sie sich anders verhalten sollten als es die Systeme nahelegen, in denen sie aufwachsen?
Folgen wir diesen Gedanken, müssen wir uns nicht über autistische Züge bei Kindern wundern. Wir sollten lieber beginnen, uns zu wundern über Systeme, die menschliche Vieldeutigkeit, Körperlichkeit und Beziehung als Störfaktoren behandeln.



