Underachievement: Das sichtbare Ergebnis eines unsichtbaren Schamgefühls?
- vor 6 Tagen
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Es gibt Kinder, die eigentlich alles mitbringen, um in der Schule erfolgreich zu sein und exzellente Leistungen zu erbringen: eine hohe Denkgeschwindigkeit, komplexe Denkfähigkeit, die außerordentliche Wahrnehmungsfähigkeit zur Mustererkennung sowie ein ausgeprägtes logisch-analytisches Denken. Und doch zeigen sie es nicht. Stattdessen erleben wir etwas, das kaum mit unserem gesellschaftlichen Bild von Hochbegabung zusammenpasst: Unkonzentriertheit, Unlust, Verweigerung der Mitarbeit sowie mittelmäßige oder schlechte Leistungen. Also Kinder, die nicht das leisten, was sie ihrem Potenzial nach könnten.

Underachievement. Ein Begriff, der für ausbleibende sichtbare Denkleistung steht und damit etwas beschreibt, das zugleich unsichtbar Sichtbar ist: das Ausbleiben von Leistung, das Nichterfüllen von Erwartungen – das Rätsel eines Potenzials, das sich nicht zeigt.
Die Forschung widmet sich diesem Phänomen seit vielen Jahren. Laut derzeitigem Stand sind die Ursachen vielfältig und selten eindeutig zu fassen. Immer wieder werden ähnliche Muster benannt: geringe Motivation, emotionale Belastungen oder ein negatives Selbstkonzept. Gleichzeitig wird zunehmend deutlich, dass nicht allein das Kind im Zentrum steht, sondern strukturelle Unvereinbarkeiten zwischen individueller Begabung und schulischen Rahmenbedingungen eine zentrale Rolle spielen. Der unlängst erschienene Sammelband Underachievement in der Schule (Breyel et al., 2024) betont in diesem Zusammenhang insbesondere das fehlende Verständnis schulischer Systeme für hochbegabtes Denken – und das damit verbundene Risiko von Fehldiagnosen. Auch die Einflussfaktoren sind mittlerweile gut und ausführlich beschrieben: Unterforderung durch fehlende Differenzierung, Langeweile, verpasste Lernanschlüsse, Perfektionismus, Angst vor Fehlern, geringes Selbstvertrauen, soziale Konflikte, mangelnde Identifikation mit der Schule, fehlende Unterstützung, ein negatives Selbstbild sowie nicht passende Lernstrategien. Und immer wieder taucht der Begriff der mangelnde Motivation auf. Entsprechend vielfältig sind die Maßnahmen, die in Schule und Beratung eingesetzt werden. Pädagogisch-didaktische Ansätze zielen darauf ab, Kompetenzen aufzubauen und Potenzial in Leistung zu überführen. Beratende und therapeutische Angebote richten sich auf die emotionale als auch soziale Ebene. Förderpläne, Enrichment-Programme, Coaching, Diagnostik oder schulpsychologische Begleitung – die Bandbreite ist groß.
Und dennoch zeigt sich in der Praxis immer wieder: Viele dieser Maßnahmen greifen nur begrenzt. Die Frage nach dem Warum drängt sich auf.
Die Scham und die Beschämung
Ein möglicher Zugang eröffnet sich, wenn der Blick sich verändert – weg von der äußeren Beschreibung des Verhaltens hin zum inneren Erleben des Kindes. In diesem Zusammenhang rückt ein Gefühl in den Mittelpunkt, das in der bisherigen Diskussion zwar vorkommt, aber aus meiner Sicht selten in seiner besonderen Bedeutung erfasst wird: die Scham.
Underachievement beginnt nicht mit dem Nicht-Können. Es beginnt möglicherweise mit Situationen, in denen ein Kind Scham erlebt, dass z.B. sein Denken, seine Antworten oder sein Verhalten als nicht passend empfunden werden.
Wenn wir über Underachievement und Scham sprechen, müssen wir uns der Scham ausführlicher zuwenden.
Scham ist zunächst ein grundlegendes menschliches Gefühl mit einer wichtigen regulierenden Funktion. Sie entsteht dann, wenn das eigene Handeln nicht im Einklang mit inneren und äußeren Wertmaßstäben steht. In dieser Form unterstützt sie Entwicklung: Sie gibt Orientierung, ermöglicht Selbstreflexion und beeinflusst zukünftiges Verhalten.
Davon zu unterscheiden ist eine zweite Form von Scham – die Scham, nicht aus einem „falschen“ Verhalten heraus entsteht, sondern aus Beschämung. Beschämung richtet sich nicht primär auf das Verhalten eines Menschen, sondern auf die Person. Beschämung geschieht dort, wo ein Kind nicht nur korrigiert wird, sondern sich in seinem Denken oder in seinem Sein infrage gestellt oder bloßgestellt erlebt.
Gerade hochbegabte Kinder sind hierfür besonders anfällig. Ihre Denkweise ist oft schneller, komplexer, anders strukturiert – und passt nicht immer in die erwarteten Formen schulischer Antworten. Dadurch geraten sie häufiger in Situationen, in denen sie korrigiert oder zurückgewiesen werden. Gleichzeitig nehmen sie aufgrund ihrer hochsensiblen Wahrnehmungsfähigkeit solche Rückmeldungen schneller, feiner aber auch extremer wahr und verarbeiten sie intensiver.
Ein zentrales Element in diesem Zusammenhang ist die Versagensscham. Sie entsteht nicht in den großen Momenten des Scheiterns, sondern in den kleinen, alltäglichen Situationen: bei scheinbar einfachen Aufgaben, bei Fehlern, die andere nicht machen, bei Anforderungen, die für andere selbstverständlich erscheinen. Genau dort, wo etwas „eigentlich leicht“ sein müsste, entsteht eine schwer einzuordnende Diskrepanz – und diese richtet sich zunehmend gegen das Selbst.Da das Erleben von Beschämung äußerst schmerzhaft ist, setzt an dieser Stelle ein Prozess der Vermeidung ein. Ein Prozess, der darauf abzielt, genau jene Situationen zu umgehen, in denen dieses Gefühl erneut auftreten könnte. In gewisser Weise greift hier ein grundlegender menschlicher Mechanismus: In bedrohlich erlebten Situationen reagieren wir mit Angriff, Flucht oder Starre. Übertragen auf den schulischen Kontext bedeutet dies, dass Situationen, die einmal mit Scham verbunden waren, nicht erneut aufgesucht werden. Anforderungen werden aufgeschoben, umgangen oder verweigert.
Beschämung als Schutz
Was von außen häufig als Gleichgültigkeit oder mangelnde Motivation erscheint, erweist sich aus dieser Perspektive als eine nachvollziehbare Reaktion die innerlich einer klaren Logik folgt: dem Schutz vor erneuter Beschämung.
In diesem Zusammenhang kann auch der Begriff der Pathological Demand Avoidance (PDA) beleutet werden, der vor allem im Kontext von Autismus-Spektrum-Störungen diskutiert wird. Er beschreibt ein Verhalten, bei dem Aufgaben und Aufforderungen nicht einfach bearbeitet und erfüllt werden, sondern aktiv vermieden werden. Betrachtet man dieses Verhalten unter dem Aspekt von Schamempfinden, verändert sich seine Bedeutung: Es erscheint dann nicht primär als oppositionell, sondern als Reaktion auf die höchst beschämende Emotion im Zusammenhang von der Erledigung und dem Erfüllen von Aufgaben. Denn jede Anforderung enthält die Möglichkeit, erneut zu scheitern – und damit erneut Scham zu erleben. Die Vermeidung richtet sich somit nicht gegen die Aufgabe selbst, sondern gegen das mit ihr verbundene innere Erleben.
Vor diesem Hintergrund erscheint Underachievement in einem anderen Licht. Es ist weniger ein Defizit an Fähigkeit oder Motivation als vielmehr Ausdruck eines inneren, oft sehr schmerzhaften Prozesses, in dem Scham zu einem zentralen Auslöser geworden ist.
Damit verschiebt sich auch der Blick: weg von der Frage, wie Leistung gesteigert werden kann, hin zu der Frage, unter welchen Bedingungen Kinder ihr Denken überhaupt zeigen können. Denn manche Kinder zeigen nicht wenig, weil sie wenig können, sondern weil das Zeigen selbst für sie zu einem hochemotionalen Risiko geworden ist.
In den kommenden Wochen werde ich mich intensiver mit dem Phänomen der Scham im Zusammenhang mit Underachievement auseinandersetzen. Die bisherigen Erklärungsansätze beschreiben vieles von dem, was sichtbar wird – Motivation, Selbstkonzept, Verhalten –, bleiben jedoch häufig auf dieser Ebene stehen. Was weitgehend offen bleibt, ist die Frage nach dem inneren Zusammenhang, der diese Phänomene miteinander verbindet.
Welches emotionale Grundgeschehen liegt ihnen zugrunde? Hier zeigt sich eine bemerkenswerte Zurückhaltung der Forschung. Scham taucht zwar auf, jedoch eher randständig, fragmentiert und meist als Begleiterscheinung – nicht als zentrales, strukturierendes Element. Gerade darin könnte ein entscheidender blinder Fleck liegen. Denn aus der Perspektive des Erlebens lassen sich die beschriebenen Phänomene als Ausdruck eines gemeinsamen inneren Zusammenhangs verstehen, in dem die Scham ausgelöst durch Beschämung zu einem neuen Verstehen führt.
Ich gehe in den nächsten Beiträgen der Frage nach, ob und in welcher Weise dieses Erleben dazu beiträgt, dass Kinder ihre Fähigkeiten nicht mehr zeigen, obwohl sie es könnten. Sollte sich diese Spur bestätigen, könnte sich Underachievement weniger als Leistungs- oder Motivationsproblem darstellen, sondern als Ausdruck eines höchst schmerzhaften inneren Prozesses, der bislang nicht ausreichend beleuchtet wurde.



