Konvergentes/Lineares versus divergentes Denken bei hochbegabten Menschen





"höher - schneller - weiter" oder vielleicht "höher - schneller - und viel zu weit weg"


Seit Jahren beschäftigt mich die folgende Frage: Warum wird eine Gruppe von Hochbegabten zu erfolgreichen Hochleistern und die andere zu Underachievern? Die von der Wissenschaft formulierten Antworten stellen mich nicht zufrieden, denn der wissenschaftliche Ansatz "erfolgreiche Hochbegabungsentwicklung" als einen entwicklungsdynamischen Prozess zu definieren, der durch Persönlichkeitsmerkmale und Umweltfaktoren beeinflusst wird (1), scheint mir zu reduziert und am wesentlichen Problem vorbeizugehen.


IQ > 130 + begabungsfördernde Umfeldfaktoren + begabungsfördernde Persönlichkeits-merkmale => Hochleister


Den Einflussmodellen zufolge sind es jene oben genannten begabungsunabhängige Faktoren, die die Begabungsentwicklung begünstigen bzw. hemmen. Auch wenn in der Wissenschaft von einer dynamischen Entwicklung des kognitiven Potentials ausgegangen wird, liegt innerhalb der Hochbegabtenförderung der pädagogische-didaktische Schwerpunkt auf den begabungsfördernden Faktoren (2).



Der entwicklungsdynamische Prozess greift immer, unabhängig von der Begabung und Begabungsausprägung.


Interessanterweise laufen jedoch viele Fördermaßnahmen ins Leere und der gewünschte Erfolg stellt sich nicht ein. Für viele hochbegabte Menschen oder Eltern von hochbegabten Kindern beginnt eine kräfteraubende und sehr ernüchternde Odyssee.


Konzentrationstraining, Lerntherapie, Verhaltenstherapie, Traumatherapie, Doppeldiagnosen... Vielleicht setzen wir am falschen Punkt an und sollten uns von den begabungsunabhängigen Faktoren zunächst wieder abwenden und uns mit der Definition von Hochbegabung differenzierter auseinandersetzen.



Intelligenzforschung


Um sich dem Phänomen der „Hochbegabung“ zu nähern, forscht die Wissenschaft seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts zur Intelligenz und entwickelte verschiedene Modelle. Heute stehen drei unterschiedliche Modellkonzepte im Mittelpunkt der Intelligenzforschung: Erstens das Modell der allgemeinen Intelligenz, messbar durch einen klassischen IQ-Test mit diversen Weiterentwicklungen und Untermodellen, zweitens das der multiplen Intelligenzen nach Gardner und drittens das Modell der imaginären, individuellen Hochbegabung nach Dabrowski. Während der klassische IQ-Test die Bereiche sprachliche, logisch-mathematische und visuell-räumliche Denkleistung, schnelles Arbeitsgedächtnis und Merkvermögen misst und wissenschaftlich anerkannt ist, entziehen sich die multiplen Intelligenzen mit den Bereichen „emotionaler, intra- und interpersonaler Intelligenz“ sowie Dabrowskis Modell mit den Bereichen „sensorischer, kreativer und emotionaler Hochbegabung“ einer validierten empirischen Messung.


Und doch scheinen die 130 IQ-Punkte, der in Deutschland geltende Grenzwert für die Diagnose Hochbegabung, viel zu kurz gegriffen, um um im klassischen IQ-Test gelten, um das Potenzial und die besonderen intrapersonalen Persönlichkeitsmerkmale von hochbegabten Menschen zu beschreiben. Deswegen öffnet man sich innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses neuen Themengebieten wie z.B. der Hochsensibilität bzw. Hochsensitivität.



Von 130 zu 120 und von der Hochbegabtenförderung zur Begabungsförderung - eine Gratwanderung


Wo fängt Hochbegabung an und wo hört Begabung auf? Hochbegabung - Das Problem mit dem Grenzwert!


Hochbegabung konkret zu definieren, gestaltet sich zunehmend komplexer und innerhalb der wissenschaftlichen Diskussion geht man zwischenzeitlich von besonderen oder überdurchschnittlichen Begabungen bzw. Potentialen ab einem IQ von 115 aus. Diesem sich öffnenden aber auch gleichermaßen downgrading-Trend hat sich die Pädagogik in großen Teilen angeschlossen und sich in den meisten Bereichen auf den Begriff der Begabungsförderung verständigt.


Schön und gut - aber hilft uns dies bei der Beantwortung der Eingangsfrage weiter? Können wir dadurch erklären, warum die einen zum Hochleister und die anderen zum Underachiever werden? Oder wie Underachiever gefördert werden können? Leider nein!



Lineares versus divergentes Denken bei hochbegabten Menschen


Meinen Beobachtungen in meiner Arbeit und im Zusammensein mit hochbegabten Menschen zufolge sind es vor allem zwei unterschiedliche Denktypen, die auffallen. Die einen denken linear - "höher, schneller, weiter" und die anderen divergent - "höher, schneller, viel zu weit weg".


Nun könnte davon ausgegangen werden, dass "viel zu weit weg" sich aus dem "Schneller" ergibt und diese Menschen einfach noch schneller denken und noch schneller Zusammenhänge erkennen. Doch auch dies beschreibt das Denken der "viel-zu-weit-weg"-denkenden Menschen nur unzureichend, denn sie denken nicht nur schneller, sie denken vor allem anders. Ihr Denken ist komplex und gleicht der Spielfigur des Springers im Schach.



Denken im Rösselsprung


Im Schach ist der Springer die einzige Spielfigur, die nicht einen linear vorgegeben Weg zieht, sondern beide Laufrichtungen vereint. Erst ein Feld geradeaus, dann ein Feld diagonal oder umgekehrt - und dabei kann sie auch andere Figuren überspringen. Das Verlassen des graden und Einschlagen eines in mehrere Richtungen weisenden Weges macht den Springer zur kompliziertesten und für den Gegenspieler zur unberechenbarsten Spielfigur.


Ähnlich geht es dem hochbegabten Divergentdenker, wobei dieser nicht nur ein Feld gerade und eins zu Seite springt sondern vielleicht auch 4 gerade, 3 zur Seite und 2 nach oben. Und sein Umfeld kann ihn nur schwer einschätzen.






Divergent denkende Hochbegabte und die Minderleistung


Während das soziale Umfeld an das lineare "höher, schneller, weiter"-Denken des linear denkenden Hochbegabter anzuknüpfen vermag und seinen stringent, logisch und nachvollziehbaren Gedanken folgen kann, ist der divergent Denkende in seinen Gedanken, seinen Argumentationsaufbauten und Ideen für die meisten Menschen in seinem Umfeld zu weit weg. Seine gedanklichen Verknüpfungen und Verbindungen liegen außerhalb der gewohnten Denkrichtung und können von Außenstehenden oftmals nicht nachvollzogen werden.


Was für den hochbegabten Divergentdenker seine ganz persönliche Denknormalität darstellt und für ihn nichts besonderes ist, bereitet es seinen Mitmenschen Schwierigkeiten ihm zu folgen. Während der hochbegabte Divergentdenker die Schnellig- und Sprunghaftigkeit seiner Gedanken nicht merkt und nur durch Missverständnisse oder schlechte Leistungsbewertung irriert aufhorcht, ist sein Umfeld in der permanenten Überforderung, sich ständig auf neue Denkaspekte im Gesprächsverlauf und der Argumentation einzustellen und seinen Einwänden oder Ideen zu folgen. Sein soziales Umfeld ist deshalb schnell bereit, ihn als unkonzentriert und unfokussiert einzustufen.


Ich vermute, dass der linear denkende Hochbegabte mit seiner, seinem sozialen Umfeld vertrauten, linearen Denkweise, leichter an die Allgemeinheit anschließen kann als der divergent-denkende Hochbegabte. Seine Mitmenschen können seinen Gedanken und Ideen leicht folgen und die Ergebnisse und Schlussfolgerungen als herausragend einschätzen. Den hochbegabten Divergentdenker können sie in der Regel nicht verstehen - er ist ihnen in der Komplexität seiner Gedankengänge einfach zu weit weg.



Der 130+ Divergentdenker


Der interessante Aspekt ist nun, dass die am häufigsten eingesetzten IQ-Tests, wie z.B. der Hamburger-Wechsler-Test, mit ihren umfangreichen Untertests für abstrakt-logisches Denken, vor allem jene Bereiche messen, die der konvergenten Intelligenz zugeordnet werden können, es jedoch augenscheinlich Menschen gibt, die diese Tests bestehen obwohl sie von ihrer Veranlagung Divergentdenker sind. Das heißt, ihrer Präfernz nach denken sie divergent, haben aber das Potential, im IQ-Test die entsprechenden 130 IQ-Punkte und mehr zu erreichen.


Nun könnte darauf hingewiesen werden, dass die Denkveranlagungen doch ineinandergreifen und nicht voneinander zu trennen sind. Ich könnte mir vorstellen, dass die zwei, sehr unterschiedlichen, Denkstile der Rechts- oder Linkshändigkeit von Menschen gleichen. Menschen haben in der Regel eine bevorzugte Hand, mit der sie agieren. Die andere Hand ist dabei nicht untätig, sie ist jedoch meistens nicht so leistungsstark und feinmotorisch ausgebildet. Sie arbeitet der bevorzugten Hand eher zu, als eigenständig die Führung zu übernehmen. Ähnlich könnte sich das beim Denken vollziehen. Stark divergent denkende hochbegabte Menschen könnten neben ihrer bevorzugten Denkweise eine stark ausgeprägte "zuarbeitende" linear denkende Fähigkeit besitzen.


Eventuell liegt in dieser Kopplung aus divergenter Denkpräferenz und linear-kognitiver Hochbegabung der Schlüssel zu jenen genialen Gedankenspüngen, die zu genialen (und wenn erkannt) „herausragenden“ Ideen führen. Leider ist es vermutlich auch dieselbe Verbindung, die diese Menschen zu Underachievern werden lässt, denn das soziale Umfeld kann ihren genialen Gedanken und Ideen nur schwer bzw. gar nicht erkennen und entwickelt traditionelle, konvergente Förder- und Begabungsentwicklungskonzepte, die nicht zu ihrer komplexen Denkweise passen.


Daraus folgt für mich: Ein Underachiever ist kein Underachiever sondern ein unerkannter, hochbegabt-divergentdenkender Höchstleister.

Erzähl mir was

Zuhören und Hinhören ist der beste Anfang für eine gelingende Förderung.


Ist es möglich, mit diesem Modell des divergent-denkenden Hochbegabten "Underachiever" zu fördern?


Zunächst einmal muss man der Realität ins Auge blicken: Hochbegabte Divergentdenker werden es in ihrem Leben nicht leicht haben, mit ihrer Denkweise in Gesprächen, Argumentationen und Diskussionen anzuknüpfen und andere Menschen von ihren Ideen und Gedanken zu überzeugen. Doch wissen sie um ihre besondere Denkweise, erklärt sich für sie vieles und schon allein dadurch wird es leichter. Und wissen Lehrkräfte um diese Denkweise, können sie in der Regel die Gedankensprünge dieser Kinder besser erkennen.


Ist das Modell der unterschiedlichen hochbegabten Denktypen bekannt, dürfte es innerhalb der Begabungsförderung möglich sein, die unterschiedlichen Denktypen durch gutes Zuhören zu erkennen und passende Förderkonzepte zu entwickeln.





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(1)

Chronologische Aufstellung der bekanntesten Begabungsleistungsentwicklungsmodelle:

  • Drei-Ringe-Modell von J. Renzulli (1978)

  • Triadisches Interdependenzmodell von F. J. Moenks (1986)

  • Begabungs- und Talentmodell von Francois Gagné (1993)

  • Münchner Begabungsmodell von K. Heller, Perleth & Hany (1994)

  • Aktiotopmodell nach Albert Ziegler (2005)

  • Integratives Begabungsmodell nach Christian Fischer (2003)

  • Modell individualisierter Hochbegabung nach Trautmann (2003)

  • Ökologische Begabungsmodell von Müller-Oppliger (2009 / 2010)

(2)

Schlechte Noten für kluge Köpfe, Studie der Universität Würzburg von September 2021

https://www.uni-wuerzburg.de/aktuelles/einblick/single/news/schlechte-noten-fuer-kluge-koepfe/ (abgerufen am 18.05.2022)