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ich dieses Buch
geschrieben habe und jetzt aufhöre

Warum

Kapitel 

01.

Meine eigene Limitierung

Herzlich Willkommen, liebe Leserin, lieber Leser, in meinem Leben und meinen Gedankenwelten!

 

In letzter Zeit werde ich oft gefragt, warum ich mein Buch „Wenn Denken aus der Reihe tanzt“ geschrieben habe – und warum ich mich nun gleichzeitig von diesem Themenfeld verabschiede.

 

Nun – die Antwort ist im Grunde ganz einfach: Das Thema war mir wichtig. Es ist mir wichtig. Aber ich habe verstanden, dass ich im Herzen eine Reisende bin. Mich zieht es weiter. Weiter ins Leben, weiter in neue Horizonte, weiter in all das, was noch entdeckt, gelernt und durchdacht werden möchte.

 

Um bei der Metapher des Unterwegsseins zu bleiben:
für mich gibt es einen Unterschied zwischen Urlaub und Reisen:

  • Urlaub bedeutet für mich: ankommen, die Koffer fallen lassen, sich ausruhen.

  • Reisen bedeutet: aufbrechen, Neues erkunden, fremde Wege betreten, sich durch neue Erfahrungen und Eindrücke verwandeln und weiterentwickeln.
     

Und genau so fühlt sich das Thema Hochkreativität, Hochbegabung und Underachievement inzwischen für mich an: Ich bin im Urlaubsmodus angekommen. Alles ist mir vertraut. Ich liege für mich bildlich gesprochen in der Hängematte, schaue in den Himmel, kenne jede Perspektive, jede Wolkenform. Aber am Ende des Tages bin ich müde – müde durch Nichtstun, nicht durch Erkenntnis. Es gibt nichts mehr, das mich voller Begeisterung aus dieser Hängematte springen lässt. Ich höre keine Fragen mehr. Es gibt keinen neuen Horizont in diesem Themenfeld, der mich lockt. Ich habe das Bedürfnis, wieder auf Reisen zu gehen.

 

Und genau deshalb ist dieses Buch eine Art Abschiedsgruß, ein letztes Kapitel, ein Dankeschön an ein Thema, das mich viele Jahre begleitet hat – und das nun seinen Platz in meinem Leben bekommt, ohne ihn weiter zu dominieren. Und ich bin mir sicher, es gibt noch vieles zu Erkennen, aber dazu brauche ich Abstand und ein neues Denkumfeld, dass ich wieder auf neue Fragen und Antworten kommen kann.

Doch fangen wir ganz von vorne an:

Warum ist mir dieses Thema überhaupt so wichtig?

 

Es gibt so viele hochbegabte Menschen, die niemand jemals als hochbegabt erkennen würde. Sie tauchen nicht dort auf, wo die Gesellschaft sie vermutet. Sie passen nicht in das Klischee des nerdigen, allwissenden, überfliegenden Besserwissers. Sie arbeiten nicht selbstverständlich an Universitäten oder stehen an der Spitze von IT-Unternehmen. Viele von ihnen schlagen sich durchs Leben. Sie arbeiten in den unterschiedlichsten Berufen, wechseln ihre Stellen wie andere Menschen ihre Kleidung. Sie beginnen eine Ausbildung nach der anderen – und schließen sie oft sogar ab –, nur um anschließend wieder neu zu starten, weil ihnen das Gefühl fehlt, „richtig“ zu sein oder irgendwo wirklich langfristig hineinzupassen. Wieder andere leben am Rand des Systems: in sozialen Einrichtungen, in instabilen Wohnsituationen oder in Phasen der Arbeitslosigkeit. Manche findet man als Straßenmusikerinnen oder Schausteller, als Pflegehelfer oder Lagerarbeiterinnen – und niemand käme auf die Idee, dass hinter diesen Lebensläufen eine überdurchschnittliche Denkleistung stecken könnte. Doch genau das ist eine Realität, über die kaum jemand spricht.

Und so ähnlich ging es auch mir: 

Als mich meine Hausärztin mit knapp 45 in die Therapie schickte, hatte ich bereits mehrere Ausbildungen abgeschlossen – und noch mehr begonnen. Ich war Angestellte und Selbständige. Ich war Multi-Entrepreneurin – immer wieder neu.

Ich begann jedes Mal hochbegeistert und völlig überzeugt von meinem neuen Arbeitsumfeld, arbeitete mich in kürzester Zeit ein, war hochmotiviert und lernte hyperschnell, ohne überhaupt zu merken, dass ich lernte … und dann plötzlich: aus. Vorbei. Abgebrochen und weitergezogen. Innerlich unruhig, suchend, fragend – immer auf der Suche nach einem beruflichen Umfeld, das sich endlich stimmig anfühlt. Lange hielt ich das für persönliches Versagen. Hatte mich wohl nicht genug angestrengt ....

Heute weiß ich:
Es war die Suche eines hochkreativen, hochbegabten Menschen, der sich selbst noch nicht kannte.

 

Damals aber war ich nur erschöpft – im Denken und im Leben. 

 

Und dann saß ich im Therapieraum und hörte den Satz, der alles veränderte. Ich lachte laut auf, weil er mir völlig absurd vorkam: „Sie sind ganz sicher hoch- und vielbegabt.“

 

Ich weiß noch genau, wie dieser Satz im Raum stand. Lächerlich und vollkommen unmöglich. Ich schüttelte den Kopf. Ich wehrte ab. Und doch blieb dieser Satz – wie mit Sekundenkleber angeklebt. Nicht, weil ich ihn glauben konnte, sondern weil es in mir einen winzigen Resonanzpunkt gab, den ich damals nicht einordnen konnte. Etwas zwischen Erschrecken und Erleichterung. Ein Was, wenn…? Ein Könnte es sein…? Ein Nein, unmöglich! – gefolgt von einem leisen Vielleicht doch?

 

Aber ich war noch nicht bereit dafür. Also schob ich den Gedanken weg. Weit weg. Die Bücher, die meine Therapeutin mir mitgab, stapelten sich ungelesen auf meinem Nachttisch – wie stille Zeugen eines Themas, das ich nicht berühren wollte. Dass genau dieses Thema mein ganzes Leben erklären würde, konnte ich damals nicht einmal erahnen.

Also kümmerte ich mich um andere Baustellen: um mein ständiges Über- und Unterfordern, um die Erschöpfung, die innere Unruhe, den Schmerz, irgendwie falsch im Leben zu stehen, obwohl ich mich so sehr bemühte „richtig“ zu sein. Erst viel später begann ich zu begreifen, was dieser eine Satz wirklich bedeutete. Doch damals war mein erster Impuls klar: Ich verlachte ihn und lebte weiter. Ich funktionierte weiter. Ich suchte weiter. Und gleichzeitig suchte mich dieser Satz. Er tauchte immer wieder auf: wenn ich etwas Neues begann und mich in kürzester Zeit hineinstürzte, wenn mir Dinge zuflogen, die anderen schwer fielen – und ich trotzdem zweifelte, ob ich sie vielleicht falsch verstanden hatte, wenn ich wieder einmal einen Job verließ, weil ich das Gefühl hatte, in mir selbst zu ersticken. Aber ausgesprochen? Nein.
 

Ich sprach mit niemandem darüber. Die Angst, arrogant oder anmaßend zu wirken, war zu groß.

 

Erst als eines Abends nichts anderes zum Lesen da war, griff ich zu einem der ungelesenen Bücher und ein erster Riss ging durch mein altes Selbstbild. Bunte Zebras von Anne Heintze. - Ich las den Klappentext. Dann die ersten Seiten. Und plötzlich war da dieses Gefühl, das ich bis heute schwer in Worte fassen kann: Ich wurde erkannt. Von einem Buch. Von Worten. Von jemandem, der mich nie getroffen hatte – und mich doch kannte. Es war, als hätte jemand mein Leben wie ein Mosaik betrachtet und die Steine, die nie zusammenpassen wollten, endlich passend zusammengeführt.

 

Aber das auch anzunehmen? Nein. Dazu war ich trotz allem immer noch nicht bereit.

Es dauerte weitere zwei Jahre, bis ich schließlich – heimlich – einen IQ-Test wagte. Allein. Ohne dass jemand davon wusste. Ich wollte endlich eine Antwort haben. Eine Antwort auf all die Fragen, die mein Leben still begleitet hatten. 

 

Am Morgen des Testtages wachte ich vollkommen erschöpft auf. Ich hatte die ganze Nacht kaum geschlafen. Ich lag wach, wälzte mich hin und her, voller Angst, voller Fragen, voller innerer Zerrissenheit. Ich hatte Angst davor, dass der Testleiter mich auslachen könnte. Angst, dass all meine neuen, leisen Annahmen über mich selbst in einem einzigen Augenblick zerplatzen würden. Angst, dass ich mich vollkommen lächerlich machte – allein schon dafür, so etwas überhaupt in Erwägung zu ziehen. Angst, dass ich unter vollkommener Einbildung und Verblendung litt. Es fühlte sich an, als würde etwas in meinem Leben auf dem Spiel stehen – etwas, das ich nicht benennen konnte, aber das mich bis ins Mark erschütterte. 

 

Am Morgen war ich hyper nervös, fahrig und gleichzeitig wie betäubt. Ich spürte diesen seltsamen Druck in meiner Brust, der entsteht, wenn man etwas tut, das sich falsch und richtig zugleich anfühlt. Ich hatte das Gefühl, eine Grenze zu überschreiten, die eigentlich niemand sehen durfte. Auf der Fahrt dorthin dachte ich mehrmals daran umzudrehen. Ich rang mit mir. Ich hasste mich für meine Angst, und gleichzeitig verstand ich sie nur zu gut. Dieser Test war kein Test. Er war eine Frage an mein ganzes Leben. Als ich vor der Tür des Instituts stand, war ich sicher: Ich gehe wieder. Sofort. Ich drehte mich sogar halb um. Doch in genau diesem Moment öffnete Thomas Eckerle – Psychologe, Diagnostiker, ein Mann mit einer erstaunlich klaren Wahrnehmung – die Tür, noch bevor ich fliehen konnte. Er sah mich an, musterte mich kurz und sagte dann den Satz, der mich zum Bleiben brachte: „Möchten Sie nicht wissen, wovon Sie in Zukunft lieber die Finger lassen sollten?“

 

Er hätte nichts Passenderes sagen können. Denn genau das war meine größte Qual: Ich konnte so vieles – aber nichts passte wirklich. Also blieb ich. 

Während des Tests fühlte ich mich dümmer als je zuvor. Die Aufgaben wirkten so einfach.  Ich suchte ständig den tieferen Sinn, den Haken, die Komplexität, die ich vielleicht wieder einmal nicht verstand. Und plötzlich war ich wieder gefühlte sechs-sieben Jahre alt – völlig verunsichert und voller Angst vor dem Urteil der "Lehrkraft" Ich bekam das Gefühl, mich selbst zu sabotieren, weil die Aufgaben nicht zu der Komplexität meines inneren Bildes von Hochbegabung entsprachen.

Als ich später im Besprechungsraum saß, war ich sicher, gleich müsse der Satz fallen: „Frau Wegerich-Bauer, Sie haben sich geirrt. Sie sind eher unterdurchschnittlich als überdurchschnittlich begabt“ Doch stattdessen sagte Thomas Eckerle: „Sie sind hochbegabt. Und sehr vielbegabt.“

 

Stille. Keine Freude. Kein Triumph. Eher das Gefühl, "er muss sich geirrt haben. Bestimmt hat er sich bei der Auswertung verzählt." Nein, hatte er nicht - ich habe nachgefragt.

 

Dann kam der zweite Satz: „Ihre Hauptfrage lautet nicht Was kann ich?, sondern Worauf passe ich? Und diese Frage lässt sich bei Ihnen nicht einfach beantworten.“ Erleichterung und tiefste Erschütterung zugleich. Mein erster richtiger Gedanke danach war: "Und wo ist die Personalberatung für Menschen wie mich?“

 

Doch es gab noch etwas anderes in mir: Ein Gefühl von Klarheit. Und mit diesem Gefühl begann ein neuer Abschnitt in meinem Leben. Nicht leichter. Nicht einfacher. Aber authentischer.

Wie es weiterging, erzähle ich dir im nächsten Teil:

„Von der Diagnose in die Einsamkeit – und warum Mensa mein erstes Rettungsseil wurde.“
Aber diesen Text muss ich erst noch schreiben ...

Ab

Dr. Birgit Wegerich-Bauer
info@hochkreativitaet.de

www.hochkreativitaet.de

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