
HOCH
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Kapitel 07
„Life is what happens to you
while you're busy making other plans.“
„Life is what happens to you while you're busy making other plans.“
— John Lennon
Und dann kam der Bruch.
Im wahrsten Sinne des Wortes – mein Armbruch.
Aber eigentlich begann alles früher.
Am 22. Dezember 2022 – als meine Holly starb.
Ganz plötzlich. Ohne Vorbereitung. Ohne Abschied in Etappen.
Sie war am Morgen noch da gewesen und am Abend nicht mehr.
Holly war meine Australian-Shepherd-Hündin. Ein Hütehund.
Ihre eigentliche Aufgabe wäre es gewesen, Schafe zusammenzuhalten. Stattdessen hütete sie mich.
Ich nannte mich ihr Super-Schaf.
Supermodels gibt es viele. Superstars auch. Ich war Hollies Super-Schaf.
Mit ihr war ich nie allein gewesen.
Sie war meine Begleiterin auf allen Ebenen – draußen wie drinnen.
Als sie ging, ging auch etwas von mir.
Und ich hatte Mühe, in dieses Leben zurückzufinden.
Zwei Erstickungsanfälle folgten.
Mein Körper reagierte heftiger, als ich es für möglich gehalten hätte.
Die Schleimhäute brannten, der Kehldeckel verschloss sich.
Luft – etwas so Selbstverständliches – wurde plötzlich unsicher.
„Mama, ich glaube, du brauchst einen neuen Hund“, sagte meine Tochter eines Tages.
Es fühlte sich viel zu früh an. Und zugleich wie ein Rettungsanker.
Meine Tochter und ich begannen zu suchen.
In Tierheime in der Umgebung. In Anzeigen. In Gespräche.
Wir wollten einem Hund ein Zuhause geben, der eins brauchte.
Die Hunde in den hiesigen Tierheimen waren groß, schwarz, kräftig, teils Rottweiler- oder Schäferhund-Kampfhund-Mischlinge. Hunde, die in unserem Wohngebiet mit vielen Familien und kleinen Kindern eher Unruhe als Entspannung bedeutet hätten.
Ich wollte auf keinen Fall einen Hund, der Angst auslöst, wenn ich mit ihm unterwegs bin.
Und dann stießen wir auf „Samojeden in Not“.
Ein weißer Samojeden-Mischling. Anderthalb, vielleicht zwei Jahre alt.
Es war Liebe auf den ersten virtuellen Blick.
Seine Ankunft verzögerte sich um eine Woche.
Eine Woche, in der ich plötzlich das Gefühl hatte, alles vergessen zu haben, was ich jemals über Hunde wusste.
Ich las wie eine Besessene. Erziehung. Eingewöhnung. Bindung.
Und dann kam er.
Timmi.
Als ich ihn zum ersten Mal leibhaftig sah, schoss mir ein einziges Wort in den Kopf: Vertrauen!
Kein vorsichtiges Abwägen. Kein langsames Kennenlernen.
Vertrauen. Von Anfang an.
Und dabei ist es geblieben.
Holly hatte mich gehütet.
Timmi möchte gehütet.
Holly war meine Seele.
Timmi ist mein Herz.
Mit Holly konnte ich nie Fahrrad fahren.
Sie hätte es als Aufgabe verstanden, mich zu kontrollieren.
Mit Timmi dachte ich: Jetzt beginnt meine Fahrradzeit.
Ich wollte es klug angehen und nicht gleich mit dem Fahrrad starten.
Also holte ich den alten Tretroller meiner Tochter aus der Garage.
Wenn sich die Leine verheddert, so dachte ich, lasse ich einfach los.
Timmi verstand sofort.
Er lief neben mir, als hätte er nie etwas anderes getan.
Sein Samojedenlachen strahlte. Er war ganz in seinem Element.
Ich drehte mich um, um ihn zu loben.
Und fiel - einfach so!
Ich stürzte auf die ausgestreckte Hand.
Distale Radiusfraktur.
Ich richtete mir die Hand selbst zurück, bis der Rettungswagen kam.
Erst Aushängen. Dann Gips. Kurze Zeit später dann externer Fixateur.
Weitere Fünf Tage später die Operation.
Und danach begann etwas, das sich nicht mehr einordnen ließ.
Die Schmerzen waren anders.
Nicht der erwartbare Heilungsschmerz nach einem Bruch.
Ich sagte mehrfach: „Da stimmt etwas nicht.“
Man sagte: „Das ist normal.“
Es war nicht normal!
Ich rief nachts das Pflegepersonal. Noch einmal. Und noch einmal.
Mehr Novalgin. Noch mehr Novalgin.
Ich zupfte mir unter dem Gips den Verband heraus, weil ich es nicht ertrug.
Die Schmerzen waren unerträglich!
Man entließ mich nach Hause.
Ich kam mehrfach in die Notaufnahme zurück.
Bis schließlich ein Arzt sagte: „Ich glaube, da entwickelt sich ein CRPS.“
Es entwickelte sich nicht mehr. Es war längst da.
Chronic Regional Pain Syndrome.
Chronisches regionales Schmerzsyndrom.
Früher: Morbus Sudeck.
Bis ich einen Termin im Schmerzzentrum bekam, vergingen Wochen.
Wochen, in denen sich der Schmerz ausbreitete und festsetzte.
Medikamente. Infusionen. Opiate. Morphinpflaster.
Noch eine Operation.
Zweieinhalb Jahre später bin ich noch immer in schmerztherapeutischer Behandlung.
Der Schmerz ist dank unzähliger Maßnahmen nicht mehr in jeder Minute überwältigend – aber er bestimmt weiterhin meinen Alltag und meine Belastbarkeit.
Er ist geblieben.
Und irgendwann beginnt man zu fragen:
Wenn es keinen medizinischen Grund mehr gibt zu bleiben – warum bleibt er?
Vielleicht plant nicht nur der Mensch.
Vielleicht plant auch das Leben.
Vielleicht gibt es so etwas wie eine eigene innere Logik des Lebens –
und ich habe irgendwann den Plan verlassen, den mein Leben für mich bereithielt.
Vielleicht sind es die Schmerzen, die mich nun zurückführen –
nicht um stehen zu bleiben, sondern um anders weiterzugehen.
Seit Monaten prüfe ich deshalb, was sich nicht stimmig anfühlt.
Welche alten Schmerzen und Wunden noch wirksam sind.
Vielleicht war nicht alles falsch.
Aber manches war nicht mehr tragfähig.
Und dazu gehört ganz sicher auch meine Tätigkeit als pädagogische Beraterin.
Diese Arbeit passt nicht zu dem, was ich denke und fühle.
Bevor mein Körper stoppte, hatte ich beruflich bereits versucht auszusteigen.
Aus einem System, das ich nicht mehr tragen konnte.
Ich hatte meine geliebte Arbeit als Kunstlehrerin verlassen.
Nicht, weil ich sie nicht mehr liebte.
Sondern weil ich es nicht mehr ertrug, in diesem System für dieses System zu arbeiten.
Das Bildungssystem, so wie ich es erlebte und immer noch erlebe, macht krank.
Kinder. Lehrkräfte. Eltern.
Diagnosen. Nichtpassungen. Binnendifferenzierung. Lernstandserhebungen. Leistungsdruck. Mobbing.
Und dennoch halten wir daran fest wie an den Schwimmwesten eines sinkenden Schiffes.
Ich wollte aussteigen.
Mit Myndun.
Doch ich landete im Parallelsystem.
Ich erkläre.
Ich stabilisiere.
Ich entlaste.
Und während ich einzelnen Menschen half,
stabilisierte ich zugleich das Ganze.
Ich liebe die Kinder.
Ich liebe die Arbeit mit ihnen.
Ich liebe Bildung. Denken. Wissen. Kunst.
Und gerade deshalb schmerzt es mich.
Es schmerzt mich, Energie in ein System zu geben, das sich nicht grundlegend hinterfragt.
Es schmerzt mich, Symptome zu behandeln, während die Struktur die Symptome nur noch verschlimmert.
Wir brauchen keine weiteren Förderprogramme.
Wir brauchen keinen weiteren differenzierteren Diagnoseschlüssel.
Wir brauchen einen Bildungsaufstand.
Wir müssen aufhören, Anwesenheit mit Bildung zu verwechseln.
Wir müssen aufhören, Anpassung mit Entwicklung gleichzusetzen.
Wir müssen raus aus der Schulhausanwesenheitsbleibwachpflicht!
Wir können nicht weiter an Strukturen festhalten, die erkennbar nicht mehr tragen.
Es geht nicht mehr darum, Kinder durch dieses System zu bringen.
Es geht darum, ein System zu schaffen, das Kinder nicht brechen muss.
Es schmerzt mich.
Und vielleicht ist es kein Zufall, dass ich ausgerechnet an einer chronischen Schmerzkrankheit leide.
Vielleicht ist mein Körper deutlicher als meine Argumente.
Deshalb bündele ich nun, was ich weiß und erarbeitet haben – und beende meine beratende Tätigkeit.
Dr. Birgit Wegerich-Bauer
info@hochkreativitaet.de












