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Ein Hoch auf unsere Lehrpläne

  • 24. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 27. Apr.


Du hast richtig gelesen.

Ich würde gerne eine Hymne auf unsere Lehrpläne schreiben.



Das ist nicht verrückt. Das ist das, was wir unseren Kindern anbieten:

Ein Füllhorn voller Wissen.


Hören wir für einen Moment auf über unsere Bildung zu lamentieren. Hören wir auf, Schule nur durch ihre Defizite zu betrachten. Durch Stundenpläne, Prüfungen, Notendruck, Debatten über Systeme und Zuständigkeiten. Und schauen wir stattdessen einmal genauer hin. Denn vielleicht übersehen wir etwas. Vielleicht besitzen wir etwas, das in seiner Idee höchst bemerkenswert ist. Unsere Lehrpläne!


Ja, genau jene Lehrpläne, über die so oft gesprochen wird, als seien sie starr, überholt oder belastend. Doch betrachtet man sie mal nicht als verstaubtes und längst überholtes Verwaltungsdokumente, sondern als kulturelle Landkarte, dann entsteht ein anderes Bild. Dann wird sichtbar, dass wir Kindern etwas anbieten, das kaum eine andere Lebensphase noch einmal bereithält: Dreizehn Jahre Zeit. Dreizehn Jahre, um die Welt zu verstehen. Und nicht nur eine Welt, sondern viele.


Die Welt der Sprachen. Die Welt der Zahlen. Die Welt der Musik. Die Welt der Natur. Die Welt der Geschichte. Die Welt der Kunst. Die Welt der Sterne, Moleküle, Revolutionen, Gedichte, Landschaften, Formeln und Gedanken. Oder wann im Leben geschieht es noch einmal etwas so wunderbares, dass wir uns zwischen Beethoven und Mitochondrien bewegen dürfen? Zwischen Shakespeare und Elektromagnetismus? Zwischen den Tragödien der Antike, chemischen Reaktionen, philosophischen Fragen und der Bewegung der Planeten?


Kaum irgendwo sonst wird uns ein solches Panorama menschlichen Wissens angeboten. Ein Weltarchiv. Eine Einladung, die Vielfalt menschlicher Erfahrungen und Erkenntnissen kennenzulernen.


Eigentlich müssten Schulen Orte des Staunens sein. Große Häuser der Entdeckung. Säale, in denen Kinder von Raum zu Raum gehen und immer neue Türen öffnen. Hier Musik. Dort Physik. Hier Literatur. Dort Biologie. Hier Kunst. Dort Mathematik. Ein einziger großer Rundgang durch die Geschichte menschlicher Erkenntnis.


Und doch geschieht etwas sehr Merkwürdiges. Denn obwohl der Tisch reich gedeckt ist, sitzen die Kinder davor, ohne wirklich zu essen. Oder schlimmer noch: Sie verhungern.

Dabei fehlt es nicht an Nahrungsangebot. Im Gegenteil, es ist für alle etwas dabei. Sie könnten zugreifen, doch etwas hält sie davon ab. Es fehlt an Zugang, an Verbindung, an Begeisterung, an dem Gefühl, dass Wissen etwas Lebendiges ist und das alles etwas mit ihnen zu tun hat. Etwas was sie in ihrem Menschsein nährt.


Und so entsteht eine sehr paradoxe Situation: Wir leben in einer Gesellschaft, die ihren Kindern einen Tisch voller Weltwissen bereitet – und lehren sie aber nicht sich hinzusetzten und zu genießen. Wie tragisch ist das eigentlich? Wie seltsam und wie widersprüchlich.


Denn wir stellen Beethoven neben Biochemie. Wir legen Shakespeare neben Elektrizitätslehre. Wir öffnen die Türen zu Philosophie, Mathematik, Geschichte, Sprache und Kunst. Und dennoch gelingt es uns als Gesellschaft nicht, daraus ein Fest des Lernens zu machen.


Vielleicht liegt die eigentliche Krise von Bildung deshalb nicht darin, dass wir zu wenig anbieten. Sondern darin, dass wir nicht vermitteln können, wie kostbar dieses Angebot ist. Dass Wissen nicht Pflichtstoff ist, sondern Weltbegegnung.


Vielleicht ist es tatsächlich eine Form gesellschaftlicher Blindheit. Ein reich gedeckter Tisch und unser Kinder sitzen daneben und bekommen Magenkrämpfe. Und wir sehen zu.


Vielleicht liegt die eigentliche Tragik deshalb nicht darin, dass wir zu wenig haben, sondern darin, dass wir vergessen haben, wie man Reichtum weitergibt. Denn Wissen allein nährt nicht.

Es genügt nicht, den Tisch zu decken. Man muss auch einladen. Man muss zeigen, dass all dies etwas mit dem eigenen Leben zu tun hat. Dass Musik nicht nur Unterricht ist, sondern ein Zugang zu Gefühlen, Erinnerung und Schönheit. Dass Physik nicht nur Formeln bedeutet, sondern der Versuch, die Welt zu verstehen. Dass Literatur nicht Interpretation ist, sondern Begegnung mit menschlichen Erfahrungen. Dass Geschichte nicht vergangen bleibt, sondern in uns weiterlebt. Dass all dies Teil dessen ist, was sie als Mensch ausmacht.


Und vielleicht ist genau das die eigentliche Ernüchterung. Nicht, dass unsere Lehrpläne arm wären. Sondern dass sie ultrareich sind – und wir es als Gesellschaft nicht schaffen, diesen Reichtum nicht in lebendige Erfahrung zu verwandeln.


Wie dumm müsste eine Gesellschaft sein, die Essen auf einem gedeckten Tisch verderben lässt? Wie wenig müsste sie verstehen, was sie eigentlich besitzt? Denn Bildung ist kein Mangel. Bildung ist ein gar köstliches Gut. Ein Hoch auf unsere Lehrpläne!!

 
 
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