„Dann müssen hochbegabte Kinder eben warten lernen!“

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Seit Jahren höre ich diesen Satz in Seminaren und Fortbildungen für Lehrkräfte. Und noch immer entsetzt er mich und lässt mich hilflos zurück.
„Dann müssen hochbegabte Kinder eben warten lernen.“
Der Satz fällt immer und immer wieder, ich kann darauf warten und er ist absolut ernst gemeint. Ich höre ihn, wenn ich in Fortbildungen oder Beratungsgesprächen über die dies besonderen Probleme hochbegabter Kinder spreche. Wenn ich erkläre, dass manche Kinder den Lernstoff bereits nach der ersten Erklärung verstanden haben und danach darauf warten, dass es inhaltlich weitergeht. Wenn ich beschreibe, warum Kinder unter diesen Bedingungen unruhig werden oder den Unterricht stören können. Die Antwort lautet dann: „Dann müssen hochbegabte Kinder eben warten lernen.“ Für mich ist schwer zu begreifen, dass Lehrkräfte darin tatsächlich eine pädagogische Lösung sehen. Als müsse das Kind nur oft genug erleben, dass es mit seinem Denken nicht weiterkommt, um daraus etwas Wertvolles zu lernen.
Welches pädagogische Selbstverständnis wird hier sichtbar?
Natürlich müssen Kinder lernen, Rücksicht zu nehmen und anderen Zeit zu lassen. Aber davon sprechen wir nicht, wenn ein Kind Tag für Tag auf den nächsten Lernimpuls, die nächste Frage, die nächste Herausforderung wartet. Wir sprechen von einem Unterricht, der sein Lerntempo nicht aufgreift. Und von Erwachsenen, die diese Situation dem Kind als Lernaufgabe zurückgeben.
Wessen Geduld ist eigentlich gemeint?
Das hochbegabte Kind soll warten lernen. Aber warum soll die Schule nicht lernen, mit unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten umzugehen? Die Anpassung wird allein vom Kind verlangt.
Und dann ist da noch meine Geduld als pädagogische Beraterin. Seit Jahren versuche ich in Seminaren und Fortbildungen zu erklären, dass gelegentliches Warten etwas anderes ist als ein Schulalltag, in dem ein Kind immer wieder auf den nächsten inhaltlichen Schritt warten muss. Trotzdem kommt dieselbe Antwort: „Dann muss es eben warten lernen.“ Manchmal weiß ich kaum noch, wie ich darauf reagieren soll. Denn was sagt man einer Lehrkraft, die in der dauerhaften Unterforderung eines Kindes eine Gelegenheit zur Erziehung sieht? Wie erklärt man, dass ein Kind lernen können muss, ohne zuvor beweisen zu müssen, wie lange es das Ausbleiben von Lernen erträgt?
Was soll es dabei eigentlich lernen? Dass seine Fragen stören? Dass es besser ist, sein Interesse zu unterdrücken? Dass die eigene Fähigkeiten im Unterricht möglichst wenig sichtbar werden sollte?
Manchmal frage ich mich, ob hinter dem Satz die unausgesprochene Hoffnung steht: Wenn das Kind nur lange genug wartet, wird sich die Hochbegabung schon irgendwie auswachsen. Es wird sich fügen, weniger fragen, weniger fordern. Vielleicht fällt es dann irgendwann nicht mehr auf. Doch dass ein Kind nicht mehr auffällt, bedeutet nicht, dass es gut lernt. Es kann auch bedeuten, dass es aufgehört hat, etwas vom Unterricht zu erwarten.
Besonders bitter ist es, wenn seine Unruhe anschließend als Beleg dafür dient, dass es vor allem an Geduld und sozialem Verhalten arbeiten müsse. Sein Verhalten wird genau betrachtet. Die Frage, wie lange es zuvor schon zum Warten angehalten wurde, bleibt offen.
Ich erwarte nicht, dass Lehrkräfte jederzeit für jedes Kind ein eigenes Programm bereithalten. Aber ich erwarte, dass sie den Unterschied erkennen zwischen gelegentlichem Warten und dauerhafter Unterforderung. Und dass sie eine Begabung nicht als Störung des vorgesehenen Unterrichtstempos behandeln.
Warum muss dieses Kind so oft warten, um dazugehören zu können?
Und wann gilt das „Wartenlernen“ als gelungen? Wenn es nicht mehr stört? Ich habe immer noch keine gute Idee, wie ich dieser Antwort im Sinne der Kinder entgegnen kann.



