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Wenn Denken an Grenzen kommt
Grundlegende Denk- und Arbeitsansätze
Vielleicht scheitern wir manchmal nicht daran, dass wir keine Antworten finden. Vielleicht scheitern wir daran, dass wir die falschen Fragen stellen. Das klingt zunächst banal. Fast wie eine jener Weisheiten, die sich gut auf Postkarten machen. Bei genauerem Hinsehen steckt darin jedoch ein erkenntnistheoretisches Problem: Jede Frage enthält bereits eine Vorstellung davon, wonach wir suchen.
Wer fragt, wie sich ein Kind besser an Schule anpassen lässt, hat bereits entschieden, dass die Anpassung des Kindes das Problem ist. Wer fragt, warum ein Mensch sein Potenzial nicht ausschöpft, setzt voraus, dass wir wissen, worin dieses Potenzial besteht und woran seine Ausschöpfung zu erkennen wäre. Wer fragt, wie sich die Leistung eines Systems optimieren lässt, hat bereits entschieden, dass dieses System grundsätzlich das richtige ist.
Wir beginnen unser Denken also keineswegs bei null. Wir betreten einen Denkraum, dessen Wände längst stehen. Sie bestehen aus Erfahrungen, Begriffen, Kategorien, wissenschaftlichen Modellen, gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten und aus all den Dingen, über die irgendwann einmal so lange nicht mehr nachgedacht wurde, bis sie schließlich als gegeben erschienen. Innerhalb dieses Raumes können wir außerordentlich klug denken. Wir können forschen, analysieren, messen, vergleichen, optimieren. Wir können Antworten immer präziser machen. Und trotzdem übersehen, dass möglicherweise nicht die Antwort das Problem ist. Sondern der Raum.
Die beruhigende Kraft der richtigen Antwort
Menschen mögen Gewissheit. Das ist psychologisch verständlich. Nichtwissen erzeugt Spannung. Eine offene Frage verlangt einen Zustand auszuhalten, in dem mehrere Möglichkeiten gleichzeitig existieren und keine davon bereits als richtig ausgezeichnet ist. Eine Antwort beendet diesen Zustand. Sie sortiert und erklärt und sie gibt Orientierung. Und irgendwann wird aus einer Antwort ein Modell und aus dem Modell wird eine Kategorie - und schlussendlich aus der Kategorie eine Selbstverständlichkeit. Und genau dort geschieht etwas Merkwürdiges: Was uns ursprünglich geholfen hat, Wirklichkeit zu verstehen, beginnt nun zu bestimmen, welche Wirklichkeit wir überhaupt noch wahrnehmen können. Was zum Modell passt, bestätigt es. Was nicht passt, wird zur Ausnahme. Und was wiederholt nicht passt, bekommt vielleicht eine neue Unterkategorie. Irgendwann verfügen wir über ein hochdifferenziertes System zur Erklärung all jener Phänomene, die eigentlich längst darauf hinweisen könnten, dass mit dem System selbst etwas nicht stimmt.
Das ist keine Dummheit. Im Gegenteil. Vielleicht braucht es sogar besonders viel Intelligenz, ein Modell immer weiter zu perfektionieren.
Die interessante Stelle ist die Nichtpassung
Mich interessieren deshalb seit Langem jene Stellen, an denen etwas nicht aufgeht. Ein Mensch passt nicht zur Kategorie. Eine Beobachtung widerspricht der Theorie. Eine Entwicklung tritt ein, obwohl sie nach unserem Modell eigentlich nicht eintreten dürfte. Eine Maßnahme wird immer weiter verbessert und funktioniert trotzdem nicht. Meistens versuchen wir, diese Irritation möglichst schnell zu beseitigen. Wir erklären sie und ordnen sie ein. Wir suchen nach dem Fehler.
Aber vielleicht sollten wir manchmal genau das Gegenteil tun. Vielleicht sollten wir die Irritation nicht beseitigen. Vielleicht sollten wir sie zur Normalität erklären und die Normalität zur Ausnahme.
Plötzlich verändert sich die Richtung unserer Aufmerksamkeit. Wir fragen nicht mehr: Wie bekomme ich diese Beobachtung wieder in mein Modell hinein? Sondern: Was sagt diese Beobachtung über mein Modell - über Ausnahme und Normalität? Das ist ein fundamentaler Perspektivwechsel.
Denkgrenzen erkennt man nicht dort, wo das Denken aufhört
Vielleicht liegt darin überhaupt ein Missverständnis des Begriffs Denkgrenze. Eine Denkgrenze ist nicht zwangsläufig die Stelle, an der wir nichts mehr wissen. Manchmal wissen wir dort sogar ausgesprochen viel. Wir haben Theorien, Studien, Definitionen, Erfahrungen und Expertenwissen. Und gerade deshalb bemerken wir die Grenze nicht. Denn Denkgrenzen verlaufen häufig jenseits unserer Gewissheiten. Sie liegen in den Voraussetzungen unseres Denkens – in jenen Annahmen, die wir nicht mehr überprüfen, weil wir sie benötigen, um überhaupt weiterdenken zu können. Das macht sie so schwer sichtbar. Innerhalb eines Denkmodells können wir nahezu unbegrenzt weiterdenken und trotzdem niemals auf die Idee kommen, das Modell selbst zum Gegenstand des Denkens zu machen.
Vielleicht besteht eine besondere Form von Kreativität deshalb nicht darin, möglichst viele neue Antworten zu produzieren. Vielleicht besteht sie darin, die Grenze zu bemerken, innerhalb derer diese Antworten entstehen.
Das Unbehagen des offenen Raumes
Aber sobald wir eine Grundannahme infrage stellen, verlieren wir etwas. Gewissheit. Wenn die bisherige Erklärung möglicherweise nicht stimmt, gibt es für einen Moment keine neue. Das Alte trägt nicht mehr. Das Neue existiert noch nicht. Psychologisch ist das ein unbequemer Zustand. Wir befinden uns zwischen zwei Ordnungen. Vielleicht erklärt das, warum wir so schnell nach neuen Antworten greifen. Eine neue Erklärung beendet die Irritation. Doch möglicherweise liegt genau in diesem Zwischenraum etwas, das wir dringend wieder lernen müssen:
Nichtwissen auszuhalten.
Nicht sofort eine „passende“ Antwort zu finden. Nicht sofort eine Zuordnung zu etablieren. Und nicht sofort zu entscheiden, was richtig und was falsch ist.
Sondern einen Gedanken für eine Weile offen zu halten. Was wäre, wenn? Was übersehen wir? Welche Annahme steckt eigentlich hinter unserer Frage? Und was geschieht, wenn wir diese Annahme versuchsweise fallen lassen? Das ist kein beliebiges Denken. Es bedeutet nicht, dass jede Behauptung gleich wahr ist oder wissenschaftliche Erkenntnisse bedeutungslos werden.
Im Gegenteil. Erst wenn wir unsere Grundannahmen sichtbar machen, können wir sie überhaupt überprüfen.
Vielleicht brauchen wir andere Fragen.
Unsere Gesellschaft steht vor Problemen, für die wir die Antworten tatsächlich noch nicht kennen. Wie werden Menschen in zwanzig Jahren arbeiten? Werden sie überhaupt noch arbeiten? Was werden wir als Arbeit definieren? Welche Fähigkeiten werden in einer durch künstliche Intelligenz veränderten Welt entscheidend sein? Wie muss Bildung aussehen, wenn Wissen jederzeit verfügbar ist? Wie organisieren wir Gesellschaften, wenn vertraute Strukturen nicht mehr tragen?
Wir können versuchen, diese Fragen mit den Denkmodellen von heute zu beantworten. Das werden wir vermutlich auch tun. Aber vielleicht besteht die größere Herausforderung darin, zu erkennen, wann genau diese Denkmodelle Teil des Problems geworden sind. Dann reicht Expertise allein nicht mehr. Dann reicht auch mehr Wissen nicht unbedingt. Dann brauchen wir Menschen, die Nichtpassungen wahrnehmen. Menschen, die Widersprüche nicht sofort beseitigen. Menschen, die sagen: Moment mal. Und deren Antwort das bisherige hinterfragt.
Das ist meine Kernkompetenz, mein eigentliches Thema und vielleicht auch meine ureigenste Arbeitsweise:
Ich denke und arbeite an Denkgrenzen
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Immer wieder lande ich in meiner Arbeit an jenen Stellen, an denen etwas nicht zusammenpasst. Mich interessieren die Punkte, an denen unsere Erklärungen nicht mehr tragen: die kleinen Widersprüche, die störenden Beobachtungen, jene Ausnahmen, die sich nicht auflösen lassen und beharrlich darauf bestehen, nicht in unser Modell zu passen.
Nicht, weil ich glaube, die bessere Antwort bereits zu kennen. Im Gegenteil. Mich interessiert der Augenblick davor. Jener Moment, in dem eine alte Antwort ihre Selbstverständlichkeit verliert und eine neue noch nicht existiert. Dieser kurze, offene Raum zwischen Gewissheit und neuer Erkenntnis.
Vielleicht brauchen wir für die Probleme von morgen deshalb nicht zuerst bessere Antworten.
Vielleicht brauchen wir den Mut, unsere besten Antworten noch einmal in Fragen zu verwandeln.
Und genau unter dieser Prämisse betrachte ich auch mein eigenes Modell der Hochkreativität. Denn natürlich entkomme auch ich dem Problem nicht, das ich beschreibe. Auch mein Modell entsteht innerhalb bestehender Denkordnungen. Es übernimmt Grundannahmen, reproduziert sie und erzeugt auf ihrer Grundlage neue. Schon die Sprache zwingt mich dazu: Um etwas beschreiben und verständlich machen zu können, muss ich unterscheiden, benennen, ordnen – und damit fragmentieren.
Doch jede Fragmentierung schafft nicht nur Erkenntnis. Sie erzeugt zugleich neue Grenzen. Sobald wir etwas benennen, trennen wir es von etwas anderem. Sobald wir Kategorien bilden, entsteht ein Innen und ein Außen. Und sobald wir ein Modell entwerfen, beginnt dieses Modell zu bestimmen, was innerhalb seiner Logik überhaupt sichtbar werden kann.
Vielleicht liegt genau darin das Paradox jedes Erkenntnisversuchs: Wir müssen Wirklichkeit reduzieren, um sie verstehen zu können – und laufen gerade dadurch Gefahr, etwas von ihr nicht mehr zu sehen.
Unter dieser Prämisse versuche ich weiterzudenken. Und dabei nicht nur den Grundannahmen anderer Modelle auf die Spur zu kommen, sondern immer wieder auch meinen eigenen. Denn selbst wenn ich versuche, an Denkgrenzen zu denken, stehe ich niemals außerhalb von ihnen. Auch mein Denken ist gebunden an Sprache, an Kultur, an meine Zeit, an Erfahrungen und an jene Kategorien, deren Begrenztheit ich möglicherweise gerade deshalb nicht erkennen kann, weil ich mit ihnen denke.
Vielleicht bedeutet Denken an Denkgrenzen deshalb nicht, sie überwinden zu können. Vielleicht bedeutet es zunächst nur, mit der Möglichkeit zu rechnen, dass dort eine Grenze ist, wo ich selbst noch keine sehe.
